• vom 22.12.2017, 17:00 Uhr

Wiener Journal

Update: 22.12.2017, 17:08 Uhr

Die Macht der Geschenke




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Von Christian Hoffmann

Geschenke haben etwas Magisches. So sahen es zumindest die alten Maori. Nach überliefertem Glauben soll die durch ein Geschenk "geschaffene Bindung eine Seelen-Bindung" sein, wie der Sozialforscher Marcel Mauss schrieb. Schenken ist also alles andere als einfach.



Ein Totem der kanadischen Kwakiutl-Indianer, ein großzügiges Geschenk des Stammes  an Königin Elizabeth II bei einem Besuch im Jahr 1971. Foto: Yui Mok / PA Images

Ein Totem der kanadischen Kwakiutl-Indianer, ein großzügiges Geschenk des Stammes  an Königin Elizabeth II bei einem Besuch im Jahr 1971. Foto: Yui Mok / PA Images Ein Totem der kanadischen Kwakiutl-Indianer, ein großzügiges Geschenk des Stammes  an Königin Elizabeth II bei einem Besuch im Jahr 1971. Foto: Yui Mok / PA Images

Der Franzose Marcel Mauss war einer der Ahnherrn einer Wissenschaft, die im neunzehnten Jahrhundert unter dem Namen "Soziologie" ins Leben gerufen worden war. Die Idee, die hinter dieser neuen Disziplin steckte, war von allem Anfang an, das gesellschaftliche Leben mit der gleichen methodischen Exaktheit zu erforschen, wie es damals für die Naturwissenschaften längst üblich war. Aber natürlich verhalten sich soziale Tatbestände anders als jene, mit denen sich die Physik beschäftigt. Dementsprechend schwierig ist es bis zum heutigen Tag geblieben, empirische Befunde über das menschliche Zusammenleben zu erstellen.
Mauss war ein Neffe des berühmten Emile Durkheim, eines Mannes, von dem klassische Werke der Soziologie stammten wie "Über die Teilung der sozialen Arbeit" (1893), "Die Regeln der soziologischen Methode" (1895) oder "Der Selbstmord" (1897), eine Studie, in der Durkheim als erster anhand von statistischem Material zeigt, dass Selbstmordraten je nach religiöser Konfession signifikant variieren und Erklärungen für diesen Sachverhalt sucht.
Trotz dieses berühmten Verwandten schaffte es der Neffe Marcel Mauss wissenschaftlich, einen eigenen Weg zu gehen. Er verlegte sich darauf, ethnologische Forschungsberichte auszuwerten, um auf diesem Weg zu grundlegenden Einsichten über das menschliche Zusammenleben zu kommen. Für ihn war das zentrale Thema das Geschenk und in "Die Gabe", seinem Hauptwerk aus dem Jahr 1923, untersucht er die Rolle, die Geschenke in verschiedenen "vor- und außerindustriellen Gesellschaften" spielen. "Was liegt in der gegebenen Sache für eine Kraft, die bewirkt, dass der Empfänger sie erwidert?" Um diese Frage zu beantworten, wertet Mauss umfangreiches Forschungsmaterial aus, das damals in Frankreich bereits zusammengetragen worden war.
Bei den Maori jener Zeit war noch die Rede vom "hau", dem Geist, der einer Sache innewohnt, ursprünglich vor allem bezogen auf den Wald und das darin lebende Wild. "Das, was in dem empfangenen oder ausgetauschten Geschenk verpflichtet, kommt daher, dass die empfangene Sache nicht leblos ist", notiert Mauss anhand der schriftlich niedergelegten Erklärungen des Maori Tamati Rainaipiri. "Selbst wenn der Geber sie abgetreten hat, ist sie noch ein Stück von ihm. Durch sie hat er Macht über den Empfänger."
Dieser merkwürdige Geist "hau", der Geschenken innewohnt, erscheint auch in der Arbeit, im Handel oder bei Festen. "Und das ist der Leitgedanke, der in Samoa und Neuseeland dem Zwangsumlauf von Reichtümern, Tributen und Gaben zugrunde zu liegen scheint." Ein Gedanke, den Mauss übrigens in seinen Schlussfolgerungen auf erstaunliche Weise noch einmal aufgreift: Da fordert er nämlich für sein Frankreich, das noch vom Weltkrieg zerrüttet war, die Einführung einer Arbeitslosenversicherung und die Einrichtung eines sozialen Netzes, um den Notleidenden etwas von dem zurückzugeben, was sie für die Gesellschaft geleistet haben.

Krieg des Schenkens

Information

Nachlesen
Marcel Maus: "Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften." Übersetzt von Eva Moldenhauer, Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1990, 208 Seiten.

Eine ausgeprägte Kultur des Schenkens gab es aber keineswegs nur bei den Maori. Das Volk der Kwakiutl, ein in Kanada ansässiger Indianerstamm, pflegte eine einzigartige Form des Schenkens, den Potlatsch. Bei diesem "Fest des Schenkens", das übrigens seit dem Jahr 1884 von den kanadischen Behörden offiziell verboten war, um die Verarmung ganzer Stämme zu verhindern, trafen Häuptlinge oder Clans zusammen, um ihre Gäste gnadenlos mit Geschenken zu überhäufen: Waffen, Hausrat, Schmuck und vor allem Kupfer, das besonders hoch im Kurs stand.
Bei einem ausufernden Potlatsch konnte es vorkommen, dass zum Höhepunkt des Festes wertvolle Güter, die nicht verschenkt worden waren, rituell zerstört wurden, um den Wohlstand des Schenkenden drastisch zu unterstreichen. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass in Einzelfällen auch Sklaven im Pazifik ertränkt worden seien, um den Überfluss deutlich zu machen, aus dem die Gastgeber schöpfen konnten. Beim letzten illegalen Potlatsch, der allen Verboten zum Trotz im Jahr 1936 stattfand, wurden angeblich in einem Durchgang 30.000 kostbare handgewebte Decken verschenkt. Außerdem sollen gravierte Kupferplatten in Wert von vielen tausend Dollar demonstrativ im Meer versenkt worden sein.
"Verbrauch und Zerstörung", schreibt Mauss über die rituellen Geschenksorgien der Kwakiutl, "sind so gut wie unbegrenzt. Bei einigen Potlatsch ist man gezwungen, alles auszugeben, was man besitzt; man darf nichts zurückbehalten. Derjenige, der seinen Reichtum am verschwenderischsten ausgibt, gewinnt an Prestige." In diesem Zusammenhang unterstreicht der Soziologe den aggressiven Charakter des Schenkens beim Potlatsch und spricht auch manchmal vom "Krieg des Schenkens", bei dem es für Häuptlinge und ihre Stämme um die Ehre, das heißt um ihre soziale Existenz ging. Denn der, der ein Geschenk nicht erwidert und es mit einem Gegengeschenk übertrifft, ist gesellschaftlich erledigt.
Am Potlatsch studierte Mauss "die monströse Ausgeburt des Geschenksystems", eine soziale Mechanik, die auch andere Gesellschaften kennen. Kerngedanke ist dabei die Erwartung, die mit dem Geschenk verbunden ist, nämlich die, dass es mit einer Gegengabe erwidert wird. Der Beschenkte wird also zum Schuldner des Schenkenden, der ein Anrecht auf eine Vergeltung seiner Gabe hat, womit eine soziale Beziehung entsteht.

Raubzüge

Die soziale Mechanik des Schenkens, auf die Mauss in "Die Gabe" hinweist, kennen natürlich auch andere Völker zu anderen Zeiten. In Europa wird schon in der Antike die "Ars donandi", die Kunst des Schenkens, gepflegt. Schon in den Epen Homers, des Urdichters Europas, ist vor fast dreitausend Jahren im Zusammenhang von großen Gelagen und Besuchen immer die Rede von "Ehrengeschenken" oder "Gastgeschenken", manchmal auch schon davon, dass sich die Adeligen sehr teure Geschenke an besonders wichtige Gäste durch öffentliche Umlagen, also Steuern, finanzieren lassen. So werden im Zusammenhang mit dem Besuch des Helden Odysseus am Hof von Alkinoos, dem König der Phäaken, nicht nur teure Kleider und "Gold von künstlicher Arbeit" als Geschenk der Fürsten an den Gast erwähnt, sondern auch ein wertvolles "dreifüßiges Geschirr" und ein dazugehöriges Becken, dessen Kosten die Herrscher später "vom versammelten Volke" zurückfordern wollen.

Die Frage, die auch im zeitgenössischen Weihnachtsgeschäft für so manchen entsteht, ist also ein wichtiger Teil der Mechanik des Schenkens, nämlich die der Beschaffung der Gegenstände, die verschenkt werden sollen. Noch die europäischen Adelsgesellschaften des Mittelalters verwendeten in diesem Zusammenhang eine recht geradlinige Methode, den "roub", ein Wort, das sich leicht ins moderne Deutsch übersetzt. Quelle des Reichtums und damit des Schenkens war über Jahrhunderte die nackte Gewalt, die Fähigkeit, beliebige Feinde militärisch zu unterwerfen und sich an deren Besitztümern zu bedienen. Manche Historiker wie etwa Georges Duby vertreten sogar die Meinung, dass die Raubzüge mittelalterlicher Ritter mit besonderer Gier betrieben wurden, um besonders großzügig schenken und entsprechend rauschende Feste veranstalten zu können.
Ferner wird berichtet, dass es im frühen Mittelalter den Königen der Merowinger schwer fiel, Steuern einzuheben, weil sich der adelige Kriegerstand durch das Bezahlen von Steuern erniedrigt gefühlt hätte. Gelöst wurde das Problem, indem anstelle von Steuern die Pflicht eingeführt wurde, dem König bei bestimmten Anlässen Geschenke zu überbringen, wodurch die Freien immerhin die Möglichkeit behielten, Art und Wert der Geschenke selbst zu bestimmen.
Elfenopfer

Geschenke, wie sie Menschen untereinander austauschten, waren selbstverständlich auch von rituellen Handlungen nicht wegzudenken, etwa bei der Bestattung von Toten oder bei der Zwiesprache mit göttlichen Wesen. Daher werden schon seit Jahrtausenden bei den Feiern zur Zeit der Wintersonnwende rund um den 21. Dezember Geschenke gemacht, zum Beispiel bei den Saturnalien der Römer zu Ehren Saturns, des Gottes der Landwirtschaft, ein Fest, das manche aus ägyptischen Bräuchen herleiten, andere mit dem altsyrischen Baal-Kult in Verbindung bringen oder wieder andere mit der Verehrung des persischen Gottes Mithras.
Aber auch die Heiden nördlich des römischen Reiches wussten die Zeit der langen Nächte und die Hoffnung auf einen wiederkehrenden Frühling mit Geschenken zu feiern, die die Götter milde stimmen sollten. Beim germanischen Julfest schienen üppige Opferrituale üblich gewesen zu sein, die das Missfallen der frühen christlichen Prediger erregten. Noch schlimmer waren Feiern im hohen Norden, wie das Elfenopfer ("alfablot"), das in den Schriften des Snorri Sturlusons geschildert wird, eines altisländischen Dichters, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelebt hat. Er erwähnt in einem Epos ein Elfenopfer im norwegischen Trondelag, an dem teilzunehmen der christliche König Hakoon mit dem Beinahmen der Gute genötigt worden war, um Anerkennung bei den Einheimischen zu finden. Ob der christliche König nun wirklich in jener Nacht mit den Heiden Opferblut getrunken hat, oder ob dieses Detail auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht, bleibt umstritten; fest steht, dass an der bezeichneten Stelle zahlreiche Goldstücke, wertvolle Opfergaben, gefunden wurden, vermutlich rituelle Geschenke, die den Elfen dargebracht worden waren, und dass die Teilnahme an dem Ritual auch für den christlichen König unerlässlich war, um Einfluss zu gewinnen.
So entwickelte sich in mehreren hundert Jahren das christliche Weihnachtfest als Zugeständnis an die ausschweifenden Bräuche, mit denen die Heiden im Winter ihre Sehnsucht nach Sonne und Frühling ausdrückten. Das althergebrachte Bedürfnis nach Geschenken, mit denen man sich göttliche Wesen oder die Geister strenger Vorfahren gewogen machte, hat sich in gewandelter Form erhalten. Die Konsumorgie, die man Weihnachtsgeschäft nennt, dient mancherorts als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung, also für das Maß an verfügbarem Überfluss. Da ist der archaische Geist, der die vorindustriellen Gesellschaften beherrschte, immer noch lebendig.




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Dokument erstellt am 2017-12-22 17:05:46
Letzte Änderung am 2017-12-22 17:08:02



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