• vom 22.12.2017, 17:12 Uhr

Wiener Journal

Update: 22.12.2017, 17:22 Uhr

Die Kunst, glücklich zu sein




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Von Christian Hoffmann

Viele Menschen erheben den Anspruch, zu den Weihnachtsfeiertagen glücklich zu sein. Doch wie macht man das? Wie ist man glücklich? Ein kleiner Versuch, Antworten auf diese Frage zu finden.


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Seine Gesichtszüge haben etwas Strenges. Die Büste, die von ihm in Berlin zu sehen ist, zeigt Lucius Annaeus Seneca als älteren Mann mit Doppelkinn und ernstem Blick. Dieses Gesicht passt allerdings sehr gut zur berühmtesten seiner Abhandlungen, die er vor fast zweitausend Jahren geschrieben hat und die den Titel "Vom glückseligen Leben" trägt. Darin geht er nämlich in 29 Kapiteln mit seinen Mitbürgern hart ins Gericht. In aller Strenge zählt er ihnen die Fehler auf, mit denen sie sich seiner Ansicht nach selbst daran hindern, glücklich zu werden. "Ich bin gleich einem einsamen Felsen", seufzt der Philosoph und vergleicht sich mit dem legendären Sokrates, dessen Tod zu Senecas Lebzeiten schon vierhundert Jahre zurücklag.
An dieser Stelle sollte man daran erinnern, dass Seneca, einer der berühmtesten Redner und Schriftsteller seiner Zeit, ein Zeitgenosse von Jesus Christus war. Er kam vermutlich im Jahr 1 unserer Zeitrechnung in Cordoba zur Welt und wuchs später in Rom auf, weil sein Vater, Seneca der Ältere, von allem Anfang darauf Wert legte, den Sohn in der Zentrale des Imperiums zu einem echten römischen Aristokraten zu erziehen. Der Kontrast zu Jesus von Nazareth, dem im Kuhstall geborenen jüdischen Messias, könnte kaum größer sein.
Senecas Abhandlung "Vom glückseligen Leben" ist in zweitausend Jahren ein Bestseller geblieben, den eigentlich jeder Maturant im Lateinunterricht irgendwann gelesen haben sollte. Dass sich allerdings nur wenige daran erinnern, könnte auch daran liegen, dass die Vorschläge des grimmigen alten Herrn für einen glücklichen Lebensweg nicht gerade das sind, wonach jugendlichen Lesern der Sinn steht. Von allem, was dem Lustgewinn dient, hält der Philosoph in Bezug auf das Glück nämlich wenig, und setzt dafür auf zwei Begriffe, die gar nicht lustvoll klingen: Tugend und Vernunft.
Auch hat der Ton, den Seneca gleich im ersten Satz anschlägt, nichts Einschmeichelndes. "Glücklich zu leben wünscht jedermann; aber die Grundlagen des Glücks erkennt fast niemand", poltert er los, auch wenn er einräumt: "Freilich ist ein glückseliges Leben keine ganz einfache Sache. Wer einmal den Weg verfehlt, entfernt sich immer weiter davon." Denn der Weg zum glücklichen Leben ist für Seneca nur durch Gleichmut zu erreichen, durch innere Unabhängigkeit von den Lüsten und Begierden, die die meisten Menschen durchs Leben jagen. Für den Meister kommt es in der Tradition der stoischen Philosophie darauf an, dass sich das Individuum bescheiden in die Ganzheit des Kosmos einordnet, nach den Gesetzen der Natur lebt und sein Denkvermögen dazu verwendet, diese Gesetze zu verstehen. Zu einem üppigen Weihnachtsessen passt vielleicht die folgende Stelle aus der Schrift "Vom glückseligen Leben", in der die Wirkung der tugendhaften Enthaltsamkeit auf das Gemüt beschrieben wird: "An die Stelle der sinnlichen Genüsse und alles dessen, was kleinlich und hinfällig und Unheil bringend ist, tritt eine hohe, unerschütterliche und sich gleich bleibende Freude, Friede und Harmonie der Seele und Größe mit Sanftmut gepaart."
Diese innere Distanz zu den sinnlichen Lüsten, die Seneca verlangt, unterscheidet sich übrigens von der Abkehr vom irdischen Leben, wie sie später die Christen fordern sollten, für die wirkliches Glück überhaupt nur im Jenseits erlebt werden kann. Nein, Seneca, einer der reichsten Männer seiner Zeit, findet in griechisch-römischer Tradition irdische Lüste und den Wohlstand durchaus angenehm, aber er rät seinen Zeitgenossen, sich die Unabhängigkeit von den sinnlichen Freuden zu bewahren, da die äußeren Umstände des Lebens, Armut oder Reichtum, Krankheit oder Gesundheit, sich ändern und deswegen für die Tugend und folglich für die Glückseligkeit nicht bestimmend sein dürfen. (Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass diese Zeilen zu einem Zeitpunkt geschrieben wurden, als man Seneca in Rom vorwarf, seinen Reichtum auf unrechtmäßige Weise vergrößert zu haben.)

Neronia

Information

Lucius Annaeus Seneca:
Vom glückseligen Leben und
andere Schriften.
178 Seiten, Phänomen-Verlag,
Hamburg, 2011. 9,90 Euro
Manfred Stelzig:
Warum wir vertrauen können.
188 Seiten, Verlag Ecowin, 2017, 20 Euro.

Wenn allerdings zu Weihnachten die Familie zusammenkommt und es für die Glückseligkeit notwendig wäre, eine minimale Harmonie zwischen den Generationen herzustellen, dann mag in diesem Punkt der Gedanke an Seneca trösten. Wie schwierig es sein kann, theoretische Ansprüche, wie er sie in Hinblick auf das Glück formuliert, mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen, hat er nämlich in seiner Eigenschaft als Erzieher erfahren. Sein berühmter Zögling Lucius Domitius Ahenobarbus wurde später als Kaiser Nero zum Inbegriff eines frevelhaften Machtmissbrauchs, der sich mit den Vorstellungen des Seneca gar nicht in Einklang bringen ließ.
Wobei die Anfänge des jungen Kaisers, als er noch unter dem Einfluss des alten Herrn stand, durchaus vielversprechend gewesen sein sollen. Er ließ gleich einmal die Getreidepreise senken, festigte im Unterschied zu anderen Kaisern die Eigenständigkeit des Senats und lehnte es ab, dass Standbilder von ihm errichtet würden. Damals vermied er es sogar noch, Todesurteile zu unterschreiben. ("Wenn ich doch nicht schreiben könnte!", soll er gesagt haben, als er zu Anfang seiner Herrschaft zum ersten Mal mit dieser Aufgabe konfrontiert war.)
Der Wendepunkt scheint der Brand von Rom im Jahr 64 gewesen zu sein. Immer wieder wurde behauptet, der junge Kaiser, damals schon zehn Jahre im Amt, hätte den Brand selbst in Auftrag gegeben, um die Stadt nach seinen eigenen architektonischen Vorstellungen neu aufzubauen. Manche halten aber auch ein simples Unglück als Brandursache für sehr wahrscheinlich und die erste Maßnahme des Kaisers bestand auch darin, seine Gebäude für die Obdachlosen öffnen zu lassen. Faktum aber ist, dass man, wie es heute auch geschieht, nach dem Unglück erst einmal einen Sündenbock suchte, dem man die Schuld für die Katastrophe geben konnte, und dafür bot sich eine unter Ausländern beliebte Sekte an, die Chrestiani, später auch Christen genannt. Ein grausames Pogrom war die Folge.
Wirklich unbeliebt wurde der Zögling des Seneca allerdings erst, als er für den Wiederaufbau der Stadt nach seinen planerischen Vorstellungen im ganzen Reich die Tempelschätze plündern ließ und so viel Geld wie möglich zusammenraffte. Außerdem war er der römischen Aristokratie immer mehr wegen seiner künstlerischen Ambitionen verhasst, vor allem seit er Kulturfestivals wie die Neronia ins Leben rief und dabei selbst als Sänger, Dichter und Lyraspieler auf die Bühne trat. Dazu kamen Ereignisse wie die Ermordung seiner Mutter Agrippina, die Verbannung seiner Ehefrau Octavia, die Tötung seiner schwangeren Geliebten Poppea und zahlreiche andere Todesfälle in seiner Umgebung.
Als im Jahr 65 eine Verschwörung gegen Nero scheiterte, nahm der junge Kaiser seltsamerweise sofort an, sein Erzieher Seneca sei daran beteiligt gewesen, obwohl es dafür keine Beweise gab und sich der alte Mann in jenen Tagen wohlweislich vom kaiserlichen Hof fernhielt, so gut es ging. Vielleicht lag es ja am schlechten Gewissen des kaiserlichen Zöglings gegenüber dem Erzieher, der immer auf die Tugend gepocht hatte. Auf jeden Fall verurteilte Nero den alten Seneca ohne Rücksicht auf Fakten zum Tode. Und der Philosoph konnte die Thesen, die er in "Vom glückseligen Leben" entwickelte, noch einmal praktizieren: Die letzten Stunden, bevor er auf kaiserliche Anordnung den Giftbecher austrank, soll er ungeachtet der äußeren Umstände im Kreise von gelehrten Kollegen mit anregenden Diskussionen verbracht haben.

Waagschalen

Doch zurück zu der Ausgangsfrage, nämlich der, wie man glücklich sein kann. Heutzutage wird das Thema nicht mehr ganz so dramatisch abgehandelt wie zu Senecas Zeiten. Die abendländischen Philosophen haben ihre geistigen Energien im Lauf der Jahrhunderte mehr und mehr auf Fragen der Erkenntnis und Wissenschaftstheorie gerichtet, das Glück fällt heutzutage eher in das Hoheitsgebiet der Psychologie. Da kann man zum Beispiel die Bücher von Manfred Stelzig zur Hand nehmen, eines
Psychiaters, Neurologen und Psychotherapeuten: "Keine Angst vor dem Glück" (2008), "Was die Seele glücklich macht" (2009) und zuletzt "Warum wir vertrauen können" (2017).
In "Warum wir vertrauen können" stellt Stelzig die These vom "psychischen Urprogramm des Menschen" auf, das schon beim Fötus angelegt und ganz auf Kommunikation mit anderen ausgerichtet sei. "Entscheidend ist jedoch", schreibt er, "dass jeder Mensch ein wahres Selbst, einen authentischen Kern besitzt, der, wird er auf der äußeren Bühne wohlwollend wahrgenommen, die eigentliche Glücksquelle ist". (Sollte man an diesem Punkt vielleicht noch einmal an Senecas ungebärdigen Zögling Nero denken, der sich im Grunde seines Herzens als Künstler fühlte und dem vor allem am Applaus für seine Darbietungen auf der Bühne lag?)
Stelzig konzentriert sich in seinen Büchern sehr darauf, den Menschen wieder mit diesem "wahren Selbst" in Kontakt zu bringen. Er empfiehlt zum Einstieg eine einfache Übung, für die vielleicht in den Weihnachtsfeiertagen Zeit ist: "Unterteilen Sie ein leeres Blatt Papier in eine linke und eine rechte Spalte. In die rechte schreiben Sie nun alles, was Sie belastet. Und in die linke kommt alles, was Sie fröhlich stimmt, was Sie beschwingt, was Ihnen guttut. Dazu gehören selbstverständlich auch die vielen Kleinigkeiten, mit denen Sie sich selbst verwöhnen können. Versuchen Sie doch mal bitte, die linke Spalte mit deutlich mehr Inhalt zu füllen als die rechte, denn damit schaffen Sie ein spürbar entlastendes Gegengewicht zu der belastenden ‚Negativwaagschale‘ – und bilanzieren positiv."
Im Folgenden entwickelt der Therapeut dann ein Übungsprogramm, das die Menschen dazu befähigen soll, auf die ihnen "innewohnenden Lösungsmöglichkeiten zu vertrauen". Aus dem "Rollenrepertoire und den Sehnsüchten" des Urprogramms leitet Stelzig Übungen ab, die er "Wurzelübungen" nennt, und die es Menschen jeden Alters ermöglichen sollten, mit ihrem wahren Selbst in Verbindung zu treten. Vielleicht besteht ja darin der wahre Luxus unserer Zeit, dass sich der moderne Mensch im Unterschied zu Senecas Zögling Nero die Zeit nehmen kann, sein wahres Selbst im stillen Kämmerchen und ohne blutige Intrigen zu erforschen.
"Indem Sie lernen", schreibt Stelzig, "sich selbst zu versorgen und zu verwöhnen, rücken Sie die Problemlösung mehr und mehr in den Vordergrund". Und fügt einen Satz hinzu, der gut bedacht werden sollte: "Denn weder Abgrenzung noch Härte noch eine dicke Haut sind die Lösung, sondern liebevolle Selbstfürsorge als Gegengewicht zu den Ecken und Kanten des Lebens. Dann bleibt die Gesundheitswaage in der Balance."
"Sich selbst zu versorgen und zu verwöhnen", ist das nicht vielleicht ein idealer Ansatz für ein weihnachtliches Survival-Programm?




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Dokument erstellt am 2017-12-22 17:14:30
Letzte nderung am 2017-12-22 17:22:43



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