• vom 27.04.2018, 15:16 Uhr

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Update: 27.04.2018, 15:51 Uhr

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Gefährten im Tod




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Von Christina Mondolfo

  • Seit der Domestizierung des Pferdes ist dieses Tier untrennbar mit der Geschichte des Krieges verbunden. Mit seinem Reiter teilte es Gefahren, Hunger, Schmerz - und den Tod.

Patrouillenreiter der englischen Kavallerie im Ersten Weltkrieg.

Patrouillenreiter der englischen Kavallerie im Ersten Weltkrieg.© De Agostini/Getty Images Patrouillenreiter der englischen Kavallerie im Ersten Weltkrieg.© De Agostini/Getty Images

Über Tausende von Jahren war das Pferd das wichtigste Tier für Einsätze im Krieg. Es hatte dabei eine doppelte Funktion zu erfüllen, nämlich sowohl die des Last- und Zugtieres als auch die des Reittieres und damit einer Waffe. Beide Einsatzbereiche unterlagen einem ständigen Wandel, bis Pferde schließlich im Zweiten Weltkrieg letztmalig militärische Verwendung auf europäischen Schlachtfeldern fanden.

Die frühen Reitervölker der eurasischen Steppen galten als hervorragende Reiter, wobei die Skythen als erste Sattel und Steigbügel verwendeten. Sie schossen vom Pferderücken aus mit Pfeil und Bogen und maßen ihren Pferden so hohen Wert zu, dass sie sich sogar mit ihnen begraben ließen. Pferde standen im Zentrum der Kultur dieses geheimnisvollen Nomadenvolks, das in etwa vom 9. bis zum 1. Jahrhundert vor Christus die zentralasiatische Steppe bis in den Osten Europas hinein prägte. Doch auch die Assyrer und später die Awaren, Hunnen und Mongolen standen ihnen in Sachen Reit- und Kriegskunst in nichts nach. Neben Pfeil und Bogen wurden auch Streitäxte und Lanzen verwendet. Gemeinsam ist allen Reitervölkern, dass sie durch ihre Schnelligkeit und flexible Kampftechnik den Gegnern auf geeignetem Gelände militärisch überlegen waren.
Große Heere wie jene im alten Ägypten, aber auch Griechenland oder Rom, setzten anfangs auf den Einsatz von Streitwagen, doch die höhere Geschwindigkeit und bessere Wendigkeit, die ein Reiter erzielen konnte, veränderte die Kampftaktiken und ließ die Reiterheere siegreich von den Schlachtfeldern ziehen.
Einen weiteren Höhepunkt erreichte die kriegerische Reiterei im Mittelalter mit schwer gepanzerten Pferden und Reitern, den Rittern. Das Pferd war sowohl für die Kampfweise als auch für den gesellschaftlichen Status der Ritter von zentraler Bedeutung und war deshalb ähnlich ausgerüstet – zunächst mit einem Kettenpanzer, ab dem späten 14. Jahrhundert mit einem voll beweglichen Plattenpanzer am ganzen Körper, der größtmöglichen Schutz vor Pfeilen, Schwerthieben und Lanzenstößen bot. Da die Pferde der teuerste Bestandteil der Ausrüstung eines Ritters waren, benutzte der Ritter sein Kriegspferd nur in der Schlacht – der Begriff "Schlachtross" indiziert selbiges deutlich. Daneben besaß er oft ein Packpferd und ein normales Reitpferd, das ihn zum Ort der kriegerischen Auseinandersetzung brachte. Pferde und den hohen finanziellen Aufwand für Futter, Training und Ausrüstung konnten sich nur Adelige leisten. Die speziell gezüchteten Schlachtrösser wogen bis zu 900 Kilogramm und waren ebenso wie der Harnisch nicht nur Teil der Bewaffnung, sondern dienten der führenden Schicht des Adels auch als Statussymbol.

Der Einsatz von Piken und Schusswaffen ab dem 16. Jahrhundert machte den Einsatz von schweren Harnischen sinnlos und aus dem Ritterheer wurde die Kavallerie – mit leichten Rüstungen und schnelleren, beweglicheren Pferden. Wie effizient sie war, zeigte sich erstmals deutlich im Dreißigjährigen Krieg. Hier (wie in späteren Kriegen) kamen auch viele Pferde als Zugtiere für die Kanonen zum Einsatz.
Die verbesserten Infanterietaktiken erforderten immer neue Kavalleriestrategien und Kampfweisen, immer agilere Pferde und Reiter. Die berittenen Soldaten wurden oftmals für Aufklärung oder Verfolgung des geschlagenen Feindes eingesetzt und nicht mehr nur in der Schlacht. Entsprechend aufwendig und langwierig war die Ausbildung der Pferde und ihrer Reiter, ihr Status als Elite der Armee machte die Kavallerie dennoch weiterhin zu einem begehrten Bereich.

Der Erste Weltkrieg zeigte erstmals deutlich die Grenzen berittener Einheiten auf. Neue Waffen, durchgehende, lange Fronten, mit Stacheldraht bewehrte Schützengräben und Stellungskriege wurden zu Hindernissen, die Abertausende Soldaten und Pferde zu Tode brachte. Weder Mobilität noch Geschwindigkeit waren mehr Kriterien für den Gewinn einer Schlacht, immer mehr Kavalleristen wurden zur Unterstützung von Nachschubtransporten eingesetzt. Doch auch hier kamen aufgrund der hohen Anforderungen und schwierigen Bedingungen Tausende Pferde um. Der bekannte, 2006 verstorbene Historiker Reinhart Koselleck meinte dazu: "Mit Pferden waren die Kriege nicht mehr zu gewinnen. Aber ohne Pferde erst recht nicht. Der Blutzoll der Pferde war etwa gleich hoch wie jener der Menschen. Im Ersten Weltkrieg wurden auf allen Fronten insgesamt etwa 16 Millionen Pferde eingesetzt, von denen mehr als die Hälfte den Tod fanden, durch Seuchen, Verletzungen, Giftgas oder auch durch Erschießen, um sie nicht dem Gegner in die Hände fallen zu lassen. Die Beschaffung neuer Pferde war schon 1916 schwierig geworden. Und ab 1917 musste man die Zahl der eingesetzten Pferde drastisch reduzieren, weil man sie nicht mehr füttern konnte." Und trotzdem konnte man nicht auf sie als Transportmittel verzichten, vor allem für die Artillerie. Allein schon vor ein mittelschweres Geschütz mussten sechs Pferde gespannt werden, viele von ihnen starben an Erschöpfung und Überlastung. Um sie zu ersetzen, kauften die Alliierten Tiere aus Pferdebeständen in den USA und Argentinien, die Deutschen akquirierten Pferde in Schweden oder Dänemark.

Womit die Soldaten zu kämpfen hatten, erlitten auch die Pferde: Hunger, Durst, Übermüdung, Verletzungen, mangelnder Schutz vor dem Wetter: Rund zehn Millionen (manche Quellen sprechen von acht Millionen) der eingesetzten Pferde überlebten den Ersten Weltkrieg nicht.

Was allerdings ohne Auswirkungen auf den Zweiten Weltkrieg blieb, denn auch hier wurden weiterhin Pferde als Zug- und Reittiere eingesetzt. Allein 2,7 Millionen waren es auf deutscher Seite, rund 1,8 Millionen starben. Eingesetzt wurden sie in der immer noch existierenden Kavallerie, als Offizierspferde bei anderen Waffengattungen und für Meldereiter sowie als Zugtiere bei der Artillerie und den Versorgungstruppen. Die hohe Zahl an eingesetzten Pferden erklären Historiker auch damit, dass die deutsche Industrie nicht in der Lage war, ausreichend motorisierte Fahrzeuge in kurzer Zeit zu produzieren. Hinzu kam das Problem der Kraftstoffversorgung. Mit ähnlichen Problemen kämpfte die russische Armee, deshalb kamen auch hier hauptsächlich Pferde zum Einsatz.

Die Zahl der toten Pferde im Zweiten Weltkrieg geht in die Millionen, doch Gedenktafeln gibt es keine für sie. Lithografien, Bilder und Fotos zeigen allerdings ihr Sterben, ihr Verwesen am Rand einer Straße oder im Feld, noch angespannt an ein Fuhrwerk. So hat ihnen etwa der deutsche Künstler Otto Herrmann in seinem "Stalingrad"-Zyklus ein Denkmal gesetzt, Max Liebermann widmete ihnen sein Werk "Reiterkampf". Das Leid der Pferde im Ersten Weltkrieg hat der Brite Michael Morpurgo mit seinem Roman "War Horse" verewigt, 2011 von Regisseur Steven Spielberg effektvoll auf die Leinwand gebracht. Auch der Schriftsteller Ernst Jünger hat den toten Pferden des Ersten Weltkrieges quasi ein Gesicht gegeben: In einem Bildband mit dem Titel "Das Antlitz des Weltkrieges", den er um 1930 zusammengestellt hat, finden sich Fotos, die das Leiden und Sterben der stummen Kreatur anschaulich machen. Sie erwecken Mitleid und machen bewusst, dass der Tod der Pferde ebenso endgültig (und unnötig) war wie der ihrer menschlichen Gefährten.





Schlagwörter

Wiener Journal, Pferde, Krieg

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Dokument erstellt am 2018-04-27 15:26:36
Letzte Änderung am 2018-04-27 15:51:27


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