• vom 23.09.2014, 15:43 Uhr

Wiener Journal

Update: 23.09.2014, 17:16 Uhr

Wiener Journal

Die Selektion am Zebrastreifen




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bettina Figl

  • Mehrsprachigkeit als Nachteil, vernachlässigte Frühförderung und Chancenungleichheit: Im österreichischen Bildungssystem liegt einiges im Argen.

Wo man hineingeboren wird, bestimmt den Bildungsweg: der Zebrastreifen als Symbolbild der Bildungsungerechtigkeit. - © APA/GEORG HOCHMUTH

Wo man hineingeboren wird, bestimmt den Bildungsweg: der Zebrastreifen als Symbolbild der Bildungsungerechtigkeit. © APA/GEORG HOCHMUTH

Ein Zebrastreifen. Wann immer ich an die Ungerechtigkeiten im Bereich Bildung denke, denke ich an einen Zebrastreifen. Nicht an irgendeinen Zebrastreifen, sondern an jenen, der Teil meines täglichen Schulwegs war. Auf der einen Seite besagter Straßenmarkierung waren Anfang der 1980er Jahre Reihenhäuser und Genossenschaftsbauten entstanden, hier waren in die Mittelschicht aufstrebende Jungfamilien eingezogen. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein um etwa zehn Jahre älterer Gemeindebau, der nicht nur aus kindlicher Perspektive riesig anmutete: In 15 Stiegenhäusern lebten, und leben bis heute, etwa 3000 Menschen.

Das Grätzl heißt Kaiserebersdorf und liegt im Gemeindebezirk Simmering im Süden Wiens. Es ist Anfang der 1990er, also jene Zeit, als die erste Flüchtlingswelle aus Ex-Jugoslawien Österreich erreichte, und in meiner Erinnerung hat es sich so zugetragen: Fast alle Kinder, die auf meiner Seite des Zebrastreifens aufwuchsen, gingen so wie ich nach der Volksschule ins Gymnasium und später an die Universität. Die Klassenkameraden von der anderen Seite des Zebrastreifens  - viele von ihnen lebten im beschriebenen Plattenbau, manche im naheliegenden Flüchtlingsheim – gingen in die Hauptschule, die allermeisten habe ich nach der Volksschule nie wieder gesehen.


Politik hat nicht auf neue Schülerschaft reagiert

Und jener Selektionsmechanismus, der vor zwanzig Jahren funktioniert hat, kommt auch heute noch zutrage. Dass in Österreich die Bildungschancen stark vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängen, ist bekannt. Bedenklich ist, dass es die Politik es trotz dieses Wissens in den vergangenen Jahren vernachlässigt hat, etwas daran zu ändern – wiewohl dies heute dringender notwendig wäre denn je. Denn die Schulen stehen dieser Tage vor anderen Herausforderungen als noch vor 15 Jahren: Durch Migrationsbewegungen ist die Schülerschaft in Bezug auf Herkunft und Erstsprache viel heterogener als früher, wie die AHS-Lehrerin Heidi Schrodt in ihrem aktuellen Buch aufzeigt.

Während Asylwerber bis zur Jahrtausendwende vor allem aus europäischen Ländern kamen, suchten ab dem Jahr 2000 immer mehr Menschen aus nichteuropäischen Ländern Zuflucht in Österreich. Heute spricht in Wien mehr als die Hälfte der Volksschulkinder eine andere Erstsprache als Deutsch, auf alle Schultypen gerechnet sind es 45,4 Prozent (Schuljahr 2012/2013). Doch bis heute berücksichtigt die Migrationspolitik nicht, dass jeden Tag neue Menschen hinzukommen.

weiterlesen auf Seite 2 von 4




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-23 13:21:40
Letzte ─nderung am 2014-09-23 17:16:28



Kunstgeschichte

Vom Urpferd bis zum blauen Pferdeturm

20180420WJpferd - © H. Zens Das "Urpferd" in der Kunst ist eigentlich nicht so alt: Am Parthenontempel in Athen ragte sein Kopf aus der Ecke des Giebels... weiter




Dänemark

Alles hygge an Dänemarks Nordseeküste

20180316 Dänemark - © Stefan Spath Auf seinen knorrigen Stock gestützt, steht Gert Ravn am dänischen Nordseestrand bei Blåvandshuk. Bedächtig neigt er den Kopf... weiter




Wohntrends 2018

Willkommen im Salon

20180316bretz - © Bretz In der Trend-Halle der Stoffmesse Heimtextil in Frankfurt hat die junge Londoner Designerin Lola Lely eine Werkstatt aufgebaut... weiter




Wälder

Jede Sekunde ein neuer Kubikmeter

495792751 - © Getty Images/Aurora Open Österreich hat sehr viel Wald. Genau genommen ist es mit 47,6 Prozent der Staatsfläche – gemeinsam mit Slowenien... weiter




Hausbau

Alles Holz

Der hohe Vorfertigungsgrad im Werk spart auf der Baustelle viel Zeit. - © Thoma Holz spielt in der Familie Thoma schon lange eine wichtige Rolle. "Schon unser Vater war in der Forstwirtschaft tätig... weiter




Reise

Inseln am Ende der Welt

Was wäre Shetland ohne die berühmten Ponys? - © Michael Biach Es muss eine unvergessliche Erfahrung für den jungen Robert Louis Stevenson gewesen sein. Als kleines Kind begleitete der später weltbekannte... weiter




Soziales Projekt

Wieder in die Gänge kommen

Der Bauernhof ist vor allem auch ein Sozialprojekt. - © Luiza Puiu Elmas Hände sind rau, rissig, dreckig. Sie hat schwarze Ränder unter den Fingernägeln. Es sind die Hände einer Gärtnerin... weiter




Landwirtschaft

Was heißt hier nachhaltig?

907717032 - © Getty Images Erledigt hat sie sich noch nicht, die Sache mit dem Umweltschutz, so viel ist sicher. Klimawandel, schwindende Ressourcen und der Verlust von... weiter




Österreich

Jeder vierte Apfel ist Bio

formatvorlage_basic - © M. Hirsch In Sachen Bio-Landwirtschaft ist Österreich Europameister: Über ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche werden ökologisch genutzt... weiter




Mode

Anziehend & Fair

20150904_mode - © Thomas Unterberger / www.oneshot.at Am letzten September-Wochenende wird es im Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) in Wien wieder wurlen. Tausende Besucher erwarten die Veranstalter der... weiter




Wiener Journal

Es ist so schön lustig, ein Bauer zu sein

20131110farmvillle - © Ivonne Wierink - Fotolia Das bäuerliche Leben ist wundervoll. Nach dem Aufstehen gegen 8 Uhr eine Runde zu den Tieren, Felder abernten, danach seine Nachbarn besuchen und... weiter




Artenschutz

Kampf um den Fisch

20130712fisch - © Natalie Fobes/Science Faction/Corbis Als im Juli 2012 die Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organisation) ihren Bericht zum Zustand der Weltmeere veröffentlichte... weiter





Werbung




Werbung


Werbung