"Gott sei Dank muss ich die Frage, was 'digitaler Humanismus' ist, nicht beantworten", sagte Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus bei ihren Eröffnungsworten. Nicht, dass Eichinger dies nicht gekonnt hätte. Das Thema schien ihr zu bedeutend, um sich und das Publikum mit Definitionen aufzuhalten.

Gemeinsam mit der Universität für angewandte Kunst und der Wienbibliothek im Rathaus hat die "Wiener Zeitung" eine neue Veranstaltungsreihe zum Thema "Digitaler Humanismus" ins Leben gerufen. Die Auftaktveranstaltung fand am 19. Oktober 2020 in der Universität für angewandte Kunst in Wien statt. Coronabedingt war die Teilnehmer*innenzahl vor Ort beschränkt, umso mehr Interessierte waren der Einladung online gefolgt und nahmen via Live-Stream teil.

Die Diskussion finden Sie hier zum Nachsehen:

Auf dem Podium: Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft; Martina Mara, Professorin für Roboterpsychologie am Linz Institute of Technology der Johannes Kepler Universität in Linz; Hannes Werthner, Professor Emeritus für E-Commerce an der TU Wien und Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien.

Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek, fand bei ihrer Eröffnungsrede deuliche Worte. Das "Wiener Manifest" weist aus ihrer Sicht den Weg für eine menschliche Digitalisierung. - © Simon Rainsborough
Anita Eichinger, Direktorin der Wienbibliothek, fand bei ihrer Eröffnungsrede deuliche Worte. Das "Wiener Manifest" weist aus ihrer Sicht den Weg für eine menschliche Digitalisierung. - © Simon Rainsborough

"Technologien stellen Werte des Menschen in Frage"

Anita Eichinger skizzierte in knappen Worten, was auf dem Spiel steht: "In dieser fundamentalen Veränderung müssen wir diese Koexistenz mit der Technik, die wir schon leben, im Sinne des Humanismus gestalten, denn diese Technologien stellen die Werte des Menschen in Frage." Es gelte daher, einen "dritten Weg" zu finden, der "den Menschen in den Mittelspunkt" stellt und ein "gutes digitales Leben für alle" ermögliche. Eichinger verwies auf das im Mai 2019 entstandene Wiener Manifest für digitalen Humanismus, das eben diesen dritten Weg weise.

"Das Wiener Manifest für digitalen Humanismus ist Ausdruck eines Bedürfnisses, die Diskussion über die Digitalisierung anders zu führen", erklärte Veronica Kaup-Hasler, Wiens Stadträtin für Kultur und Wissenschaft. "In den letzten 20 Jahren haben sich mit den Plattformen, die das Internet beherrschen, auch bestimmte Machtstrukturen ungebremst entfalten können. Wir müssen die Kontrolle über diese Entwicklung wieder zurückgewinnen."

Die Gefahren der Digitalisierung

"Ohne die Digitalisierung wäre diese Veranstaltung nicht möglich", suchte auf der anderen Seite Hannes Werthner, Professor Emeritus für E-Commerce an der Technischen Universität (TU) Wien, die Unersetzbarkeit digitaler Technologien deutlich zu machen. Abgesehen vom gesellschaftlichen Alltag seien Wissenschaft und Forschung ohne digitale Werkzeuge schlechterdings nicht mehr möglich. "Die Digitalisierung ist grundsätzlich eine positive Technologie", hob der ehemalige Dekan der Fakultät für Informatik hervor: "Aber man darf sich das Primat der Politik nicht wegnehmen lassen."

Zu den Gefahren der Digitalisierung zählte das Podium fehlenden Datenschutz, einen drohenden Verlust der Privatsphäre, die ökonomische Dominanz der Plattformen, die intransparente Anwendung von künstlicher Intelligenz und ihre Tendenz, eine diskriminierende Gegenwart in die Zukunft zu verlängern, den Verlust von Kreativität durch Überflutung mit Information, den Verlust schließlich von Mitmenschlichkeit, Empathie, Menschlichkeit schlechthin sowie die Konzentration ökonomischer und politischer Macht in den privaten Händen einiger weniger.

Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Wien, sieht die bisherige Geschichte der Digitalisierung auch als Geschichte der Entmündigung des Menschen. - © Simon Rainsborough
Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Wien, sieht die bisherige Geschichte der Digitalisierung auch als Geschichte der Entmündigung des Menschen. - © Simon Rainsborough

"Entmündigung des Menschen"

Die Geschichte der Digitalisierung habe sich bisher oft als Geschichte der "Entmündigung des Menschen" gezeigt, so Veronica Kaup-Hasler. Besonders die öffentliche Hand habe aber gewichtige Interessen zu verteidigen: "Die Regulative der analogen Welt gibt es in der digitalen Welt noch nicht", sagte die Stadträtin.

Doch was diesen Gefahren entgegensetzen? Wie das Gemeinwohl verteidigen gegen die mächtigen Plattformen?

Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, wünscht sich einen goscherteres Aufreten Europas und Österreichs gegenüber den Großen der digitalen Welt. - © Simon Rainsborough
Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, wünscht sich einen goscherteres Aufreten Europas und Österreichs gegenüber den Großen der digitalen Welt. - © Simon Rainsborough

Kunst, Kultur und die Kreativität des Menschen wurden in der Diskussion schnell zu den Eckpfeilern einer menschlicheren Digitalisierung. Es brauche keine weitere Orientierung allein an technischen Skills, sondern eine Revolution in der Bildung und in den Universitäten, wie Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, befand. Diese Revolution müsse Kunst und Wissenschaft wieder integrieren. Bast schlug vor, diese Integration etwa an einem "Vienna Institute for Technology and the Arts" zu ermöglichen.

Zu wenig "goschert" sei das Wiener Manifest, sagte Bast: "Wir sind zu zaghaft." Auch Werthner machte sich für eine neue kreative Verbindung von Kunst und Forschung stark. Schließlich stünden sowohl Kunst als auch Forschung dem Effizienzdenken entgegen und ebneten dem digitalen Humanismus den Weg. In einem "Wiener Zentrum für Digitalen Humanismus" etwa könnte diese Verbindung institutionalisiert werden.

Hannes Werthner sieht als Informatiker die Digitalisierung grundsätzlich positiv. Es gelte aber, das Primat der Politk zu erhalten. - © Simon Rainsborough
Hannes Werthner sieht als Informatiker die Digitalisierung grundsätzlich positiv. Es gelte aber, das Primat der Politk zu erhalten. - © Simon Rainsborough

Die an der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz lehrende Professorin für Roboterpsychologie, Martina Mara, unterstrich die Wichtigkeit eines interdisziplinären Zugangs. Das Linz Institute of Technology der JKU sei ein Beispiel für diesen Weg. Es sei zudem die vordringlichste Aufgabe der Politik, digitale Technologien so einzusetzen, dass sie dazu beitrügen, die Klimakrise zu bewältigen, um den menschlichen Lebensraum zu erhalten. "Dafür muss auch das entsprechende Budget bereitstehen."

Martina Mara, Professorin für Roboterpsychologie an der JKU Linz, betonte vor allem den Nutzen, den digitale Technologien haben müssen, um "human" zu sein. Letztlich gelte es, sie so einzusetzen, dass der menschliche Lebensraum erhalten werden kann. - © Simon Rainsborough
Martina Mara, Professorin für Roboterpsychologie an der JKU Linz, betonte vor allem den Nutzen, den digitale Technologien haben müssen, um "human" zu sein. Letztlich gelte es, sie so einzusetzen, dass der menschliche Lebensraum erhalten werden kann. - © Simon Rainsborough