Lange als Mitarbeiter an Bruno Kreiskys Seite: Wolfgang Petritsch (r.) wurde später Österreichs Spitzendiplomat. - © Votava/Imagno/picturedesk
Lange als Mitarbeiter an Bruno Kreiskys Seite: Wolfgang Petritsch (r.) wurde später Österreichs Spitzendiplomat. - © Votava/Imagno/picturedesk

Bereits die Teilnahme von Studenten aus dem katholischen Pfeilheim an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg hatte die Führung des Hauses zusehends irritiert. Der Geist der 68er-Revolte - in Wien ohenhin bloß ein Mailüfterl - durchwehte das brave Heim im achten Bezirk und machte offensichtlich auch nicht vor der Innenpolitik halt. Das Fass zum Überlaufen brachte nämlich die Einladung des damaligen Vorsitzenden der SPÖ in die Pfeilgasse. Trotz Abmahnungen und Drohungen der Heimleitung an die Adresse der studentischen Organisatoren lauschten wir im überfüllten Fernsehzimmer dem Oppositionschef.

Angesichts des Ambientes sprach Bruno Kreisky mit sonorer Stimme über die Vereinbarkeit von Sozialismus und Katholizismus, wohl im Glauben, hier säßen durchwegs gläubige Katholiken. Uns aber interessierte vielmehr der Krieg im fernen Südostasien, der ja die Berliner und Pariser Studenten auf die Barrikaden gebracht hatte. Und wir erwarteten uns vom linken Oppositionschef Zuspruch und Ermutigung im Kampf gegen den US Imperialismus.

Die aber erhielten wir nicht. Im Gegenteil, gerade auf katholischem Boden wollte Kreisky seinen Antikommunismus hervorstreichen und seine westliche Überzeugung demonstrieren. Denn es ging ihm schließlich darum, ins konservative Wählerspektrum vorzudringen. Das alles aber überzeugte uns nicht. Wir waren schwer enttäuscht.

Dennoch wählten 1970 viele von uns Kreisky, da wir wohl irgendwie spürten, dass mit ihm eine neue Zeit in Österreich einziehen könnte.

Dr. Wolfgang Petritsch (Jg. 1947), ehem. Sekretär Kreiskys, OECD-Botschafter, EU-Chefverhandler Kosovo, Hoher Repräsentant in Bosnien, dzt. Professor in Harvard, Berkeley

1160 Wien