• vom 01.09.2018, 11:32 Uhr

100 Jahre Republik - Tagebuch


100 Jahre Tagebuch

Als um die ganz fettreichen Nahrungsmittel noch ein richtiges "G’riss" bestand




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    Seit November 1918 arbeitete ich bei der Elektrofirma Promper & Ferner in Margareten, bei der ich einst ausgelernt hatte. Das Leben war sehr hart, da man nichts ohne Marken bekam, oft genug auch trotz solcher nicht.

    Nicht eingelöste Marken verfielen. Meinen Markenanteil ließ ich bei Mutter, die ja für unser leibliches Wohl, so gut es eben ging, sorgte. Und dies war wahrlich schwer. Fast kein Fleisch, kein Fett und wenn, dann waren es pro Woche wenige Gramm eines gelblichen, übel riechenden Specks.


    Semmeln oder Gebäck kannten wir seit Jahren nicht und Brot gab es nur minderwertig und wenig. Es blühte der Schleichhandel mit allem, allerdings nur für jene, die Sachwerte, am besten Gold und Schmuck, zu bieten hatten. Auf Bargeld war niemand neugierig.

    Da im Gasthaus, beim Greißler oder Selcher Fleisch-, Fett- und Brotmarken abverlangt wurden, nahm ich mein Essen im sogenannten Taxameter mit zur Arbeit, und dies einige Jahre hindurch. Jedoch an einem Abend im Frühling des Jahres 1920 merkte ich erstmals, dass es endlich besser wurde. Am Heimweg von der Arbeit kam ich in Nähe der Stadtbahnstation Gumpendorfer Straße an einem Selcher vorbei, in dessen Auslage ein mit reinem Schweineschmalz gefüllter Weitling stand. In ihm steckte ein Kärtchen mit dem faszinierenden Bemerken "Ohne Marken". Nach sechs Jahren war ein solch hochwertiges Nahrungsmittel wieder frei zu kaufen.

    Ich betrat sofort den Selcherladen und kaufte mir zehn Deka davon. Was es kostete, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ich maßlos glücklich war. Mit dem in Papier eingehüllten Schweineschmalz setzte ich mich auf eine Bank und verzehrte das Schmalz ohne Brot und ohne Salz. Ich fühlte, wie mein völlig entfetteter Körper das Schmalz gierig aufnahm, genau so wie ein neues Löschpapier den dicken Tintenpatzen.

    Dies war der Anfang der Besserung, und es dauerte nicht mehr lange, bis das Brot nach und nach seine dominierende Stellung verlor. So wie mir ging es Millionen Menschen, die alle einig waren in dem Rufe: "Nie wieder Krieg!"

    Anton Hanausek (1898 - 1984),
    ein Beitrag der "Doku Lebensgeschichten" der Universität Wien




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-31 12:11:55
    Letzte Änderung am 2018-08-31 16:36:03



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