• vom 02.03.2018, 12:14 Uhr

100 Jahre Republik - Texte

Update: 03.03.2018, 11:24 Uhr

Zeitzeugen

Das Glück im Unglück beim Bombenangriff




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief






    Die Überreste des Hauses nach einem Bomben-Volltreffer am 12. April 1944 auf Fischamend. Der Haus- keller total verschüttet. Der kleine Adalbert Melichar (rechts) überlebte durch einen glücklichen Zufall.

    Die Überreste des Hauses nach einem Bomben-Volltreffer am 12. April 1944 auf Fischamend. Der Haus- keller total verschüttet. Der kleine Adalbert Melichar (rechts) überlebte durch einen glücklichen Zufall. Die Überreste des Hauses nach einem Bomben-Volltreffer am 12. April 1944 auf Fischamend. Der Haus- keller total verschüttet. Der kleine Adalbert Melichar (rechts) überlebte durch einen glücklichen Zufall.

    Das grüne "Auge" unseres riesigen Hornyphon-Radiogerätes wird mir ewig erinnerlich sein. Nicht wegen der Feineinstellungen der Sender. Dieses magische Signal verbinde ich heute noch mit dem Ruf des Kuckucks. Der Ruf war die Ankündigung eines der vielen Fliegeralarme über den öffentlichen Rundfunk. Ertönte dieser Ruf im Radio, so folgte unmittelbar die schrille Stimme der Hausmeisterin und Luftschutzwartin, Frau Wittke: "Fliiiiieeeeeegeralaaaarm . . ."

    Danach erinnere ich mich nur ganz vage an ein hektisches Herumrennen und Herumirren. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich heute, dass sie im Alarmfall mit meinem Großvater und meiner geliebten "Großi", immer den Luftschutz-Hauskeller in einer nahen Straße aufsuchten. Derartige Hauskeller galten ja in der Volksmeinung als "bombensicher".


    So ist der 12. April 1944 herangekommen. Kuckucksruf im Radio - "Es wiad eh nua wieda a Alarm sein." Den weiteren Verlauf der Ereignisse an diesem Tag erzählte mir Mama erst lange nach dem Kriegsende: Es war kein Fehlalarm! Der Alarm galt einem Bombenangriff auf meinen Heimatort Fischamend. Mama eilte, wie oftmals geübt, mit mir im "Kindersportwagerl" in den Hauskeller. Dort musste sie vom Hausbesitzer hören, dass der Keller bereits randvoll besetzt sei: "Frau Melichar, i kaun ihna mit dem Buam nimma in den Kölla einilossn, mia haum kan Plotz mea . . ."

    Melichar

    Melichar Melichar

    Die Abweisung hat unser Leben gerettet. Mama suchte in ihrer Not mit der gesamten Familie einen wegen der Fremdarbeiter gefürchteten Luftschutzstollen der Wiener Neustädter Flugzeugwerke (WNF) am Ortsrand auf. Dort waren wir tatsächlich bombensicher untergebracht. Der Hauskeller aber erhielt einen Volltreffer und die Kinder, die sich nahe der Tür aufgehalten hatten, waren allesamt tot.

    Dieser WNF-Stollen in der Enzersdorferstraße sollte später eine Art zweite Heimat für uns werden, bis die Russen da waren. An diese Zeit erinnere ich mich ziemlich genau. Eines Tages wurde unsere Wohnung in einer Zinskaserne von russischen Soldaten besetzt. Sie saßen im Kreis auf dem Fußboden unseres Schlafzimmers und wollten unterhalten werden. Mir wurden vom Opa zwei Kochlöffel in die Hand gedrückt, ich strich sie inmitten der Besatzer wie eine Geige und sang dazu: "I bin a Fischersjunge, steh auf in olla Fruah, geh aussi zu mein Bacherl und schau den Fischerln zua..." So wurde ich zum Liebling der russischen Soldaten und meine Mama blieb vor allen Übergriffen verschont.

    Prof. Adalbert Melichar, (Jg. 1942)
    Kulturamtsdirektor i. R.
    2401 Fischamend




    2 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-03-02 12:17:43
    Letzte Änderung am 2018-03-03 11:24:14


    100 Jahre

    Die Chronik zu 100 Jahren Republik

    100 Jahre Republik_Tagebuch Am 12. November 1918 wurde auf der Rampe des Parlaments in Wien die Gründung der Republik Österreich ausgerufen. Ein besonderer Anlass... weiter




    21.6.2007

    "Der Nackerte im Hawelka"

    21.6.2007: Danzer - © APAweb / Wolfgang Hauptmann / picturedesk.com Georg Danzer wollte nie als Pionier des Austro-Pop bezeichnet werden. Der österreichische Liedermacher schrieb eine Vielzahl legendärer Songs... weiter




    20.6.2007

    Hagelsturm legt Wien lahm

    20.6.2007: Hagelsturm - © APAweb / Gert Eggenberger / picturedesk.com Meteorologen hatten sie angekündigt – die Hagelstürme, die im Juni 2007 ganz Mitteleuropa erschütterten und auch über Österreich fegten. Am 20... weiter





    100 Jahre Tagebuch

    Sprachverwirrung in Ottakring: "God damned, I do, what I can!"

    - © apa/Hochmuth Etwa 1954 gehörte ich zu einem etwas wilden Rudel pubertierender Buben in der Hauptschule Wiesberggasse in Wien-Ottakring... weiter




    100 Jahre Tagebuch

    Das Waffenstillstands-Baby und die Freude über die "Pummerin"

    Der Weg der "Pummerin" von St. Florian auf Wiens Stephansplatz wurde zum Triumphzug des neuen Österreich. - © apa/picturedesk/ÖNB Es war im April 1952. Ich ging in die zweite Klasse der Volksschule. Am Heimweg in Wien-Hietzing hörte ich öfters kräftige Männerstimmen, die seltsame... weiter




    100 Jahre Republik

    Das Tagebuch zu 100 Jahren Republik

    100 Jahre Republik Tagebuch Am 12. November 1918 wurde auf der Rampe des Parlaments in Wien die Gründung der Republik Österreich ausgerufen. Ein besonderer Anlass... weiter






    Werbung