• vom 17.11.2018, 17:00 Uhr

100 Jahre Republik - Tagebuch


100 Jahre Tagebuch

Kinderernährung in der Zeit nach dem Krieg: "Süßes vermissten wir besonders"




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    1945 in der "Wärmestube": Krapfenglück.

    1945 in der "Wärmestube": Krapfenglück.© ullstein bild-Imagno/Votav 1945 in der "Wärmestube": Krapfenglück.© ullstein bild-Imagno/Votav

    Als wir im Familienkreis einmal über die Entbehrungen der Nachkriegszeit sprachen, fragte meine 16-jährige Nichte: "Ich verstehe nicht, wenn ihr kein Fett gehabt habt, warum habt ihr denn kein Öl genommen?" Das regt mich an, darüber zu schreiben, wie Kinder damals ernährt wurden, als es fast gar nichts mehr gab.

    Ich war 1946 in die Schule gekommen, mein Bruder besuchte schon die zweite Klasse. Buben und Mädchen wurden in separierten Klassen unterrichtet. Es gab zu der Zeit die sogenannten Ausspeisungen. In Innsbruck Hötting war damals ein Waisenhaus. An manchen Nachmittagen wurde, von der Schweiz gespendet, Kindern eine Jause bereitet. Meist fanden wir uns schon vor dem festgesetzten Termin ein und warteten, dass die Türe zum Schlaraffenland geöffnet wurde. Dort erhielt jedes Kind eine Zeilensemmel, einen Becher warme Milch und ein Stück Emmentalerkäse. Davon wurde man richtig satt.


    Vormittags wurde uns Essen in die Schule gebracht. Ich erinnere mich noch, wie ein großer Kessel hereingeschleppt wurde. Wir stellten uns in der Reihe an und jedem Kind wurde ein Schöpflöffel voll in ein mitgebrachtes Töpfchen eingeschenkt. Meist war es dicke Suppe oder ein Eintopf mit Erbsen oder Bohnen. Alles verschlangen wir mit großem Appetit. An manchen Tagen durften wir "den Kessel leer machen", also alles übrig Gebliebene wurde unter denen, die in ihrem Magen noch Platz hatten, aufgeteilt.

    Besonders schmeckte Hirsebrei mit Kakao. Süßes vermissten wir besonders. Eines Tages erhielt jedes Kind eine Schokolade. Freudig brachte ich sie heim, um sie dort feierlich zu essen. Mein Bruder kam weinend, er hatte keine bekommen. Sein Lehrer hatte zu wenige, einige Buben bekamen nichts. Als sie protestierten, meinte dieser (sehr fromme) Mann, sie mögen sich die Schokolade doch von ihren "Nazi-Vätern" geben lassen! Mutter wollte tags darauf zum Schuldirektor und ihn fragen, wie er das mit den Nazivätern gemeint hätte, traf ihn aber nicht an, wohl aber meine liebe Lehrerin. Sie hieß Elisabeth Weißhaupt und war eine sogenannte "Halbjüdin". Tage nachher gab siemir einen Schokoriegel, den soll ich dem Bruder bringen, aber niemandem davon erzählen. Ich weiß nicht, woher sie ihn hatte, zu kaufen bekam man so etwas damals nicht. Ich weiß aber: Sie war wirklich ein guter Mensch!

    Mag. Waltraud Sarny (Jg. 1939),

    ehemalige Flugbegleiterin,

    3001 Mauerbach




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    Dokument erstellt am 2018-11-16 12:28:25



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