Kardinal Franz König im Jahr 1960. - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.co
Kardinal Franz König im Jahr 1960. - © ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.co

Ich ging zwar nie in Religion, denn jüdische Religion wurde nur in einer Schule im 9. Bezirk angeboten. Vom 6. in den 9. Bezirk zu fahren hatte meine Mama schon nach meiner ältesten Schwester, die 1963 in die Volksschule gekommen war, irgendwie überfordert. Wir waren drei lebhafte Kinder und es gab ohnehin nichts Schöneres, als mit den Schwestern herumzurangeln.

Unter uns war ein Fellgroßhandel, also konnten wir immer nach Herzenslust herumhüpfen, denn dort liefen immer Schneidereimaschinen. Da fiel es nicht auf, ob der Plafond unten vibrierte. Wenn es Mama zu arg wurde, meinte sie: "Im Wohnzimmer dürft Ihr aber nicht hüpfen, da wird die Bildröhre erschüttert und der Fernsehapparat wird kaputt" (bis heute konnte mir kein versierter Mensch je erklären, ob TV-Röhren wirklich erschüttert werden konnten).

Aber da es ja heuer auch "70 Jahre Österreichischer Buchklub der Jugend" zu feiern gibt, gab es zu Weihnachten einen Büchertisch mit Gutscheinen. Der Gründer Richard Bamberger legte Wert auf gute Bücher, kämpfte lange gegen Schmutz und Schund und daneben besuchte uns noch Onkel Tassilo mit dem "Buchklubmaxi", einer Bauchredner-Puppe. So bekam ich eine "Holländerbibel". Der Niederländische Religionspädagoge Anne de Vries hatte "Die Bibel unserer Kinder geschrieben" - so brachten wir uns selbst den Inhalt des Alten und Neuen Testaments bei.

Im Juni 1975 - besuchte der legendäre Kardinal König die Amerlingschule, das BG VI und unser Klassenvorstand ging durch, wer dem hohen Besuch am Samstagvormittag doch lieber fernbleiben sollte. Eine Bulgarin, die in der
2. Klasse zu uns gekommen war und der orthodoxen Religion angehörte, sagte er höflich: "Ich glaube, für Dich ist das nichts, ich schaue, dass Du an dem Samstag früher gehen kannst, das wird der Direktor akzeptieren." Hingegen meinte er, jüdische Religion werde beim Besuch von Franz König wohl schon okay sein.

Die Klassen versammelten sich in der Aula und der hohe Herr wusste genau, dass der Lehrstoff das Alte Testament sei, und stellte einige Fragen, die ich alle fast wie aus der Pistole geschossen zu beantworten wusste. Der Kardinal freute sich darüber, was für eine nette und wissende Gemeinschaft der Jahrgang 1962 darstellte, ein oder zwei Antworten wusste ein anderer - den Rest beantwortete ich. Nach dem der Besuch bekam ich auch aus der Nachbarklasse, mit der wir nicht so gut waren, anerkennendes Schulterklopfen "Danke Suschny, Du hast unsere Ehre gerettet."

Peter Thomas Suschny (Jg. 1962),

Angestellter,

1147 Wien