- © churnpartenen
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Am 15. Mai 1955 wurde der Staatsvertrag unterzeichnet. Österreich war frei! Wir bekamen schulfrei. Vater machte von mir ein Foto vor dem neuen Gartenzaun. Ich saß im schönsten, von Mutter geschneiderten Kleid, rot mit weißen Tupfen und Rüschen um den Ausschnitt, auf meinem Fahrrad und hielt mich am Zaun fest, bis die Aufnahme im Kasten der Agfa-Clack war, die ich zum Geburtstag bekommen hatte. Fotografieren wurde mein Hobby. Ich beschloss, eine berühmte Fotografin zu werden. Die Agfa-Clack war groß, aber einfach zu bedienen. Man drückte den Hebel und es machte "clack". Die Schwarz-Weiß-Fotos, die ich von Hühnern, Weinreben und meinen Eltern machte, fand ich künstlerisch wertvoll. Das Format war riesig, acht mal zwölf, die Abzüge teuer, sodass ich sparsam war und nur fotografierte, was wirklich wichtig erschien. Wichtig war vor allem ich selbst, sodass erste Fotos von mir entstanden, "Selfies" würde man heute sagen. Ab dem Staatsvertrag ging es bergauf. Strasshof, dessen Einwohnerzahl lang konstant geblieben war, erlebte einen Bevölkerungsschub. Wie die Nachbarn kamen viele Leute aus Wien und fingen an zu bauen. Ich fuhr oft mit dem Rad durch den Ort, um Häuser anzusehen. Vielleicht würde Straßhof einmal eine richtige Stadt werden? Ich wollte dabei sein.

Traute Molik-Riemer (Jg. 1942),

Pensionistin,

1140 Wien