Russische Besatzungssoldaten galten bei der Bevölkerung meist als sehr kinderfreundlich. Hier eine Aufnahme aus Baden 1946. - © ullstein bild - Imagno/Votava
Russische Besatzungssoldaten galten bei der Bevölkerung meist als sehr kinderfreundlich. Hier eine Aufnahme aus Baden 1946. - © ullstein bild - Imagno/Votava

Im Frühjahr 1945 bekam ich von der Frau Oberlehrer in Idolsberg am Kamp einen Auftrag. Unterlehrer gab es keine und Frau Oberlehrer war eine glühende "Nazisse". Ich sollte Deutschland helfen, den Krieg zu gewinnen: Es galt, Panzersperren zu errichten. Alte und kranke Männer sowie ukrainische Zwangsarbeiter mussten auf der Straße vor dem Ort "Käfige" aus Rundhölzern bauen, in die wir Volksschüler Steine hineingeworfen haben, um die Holzgerüste aufzufüllen. Das war sehr lustig.

Kaum waren wir damit fertig, waren die Russen auch schon da. Mädchen und junge Frauen mussten sich am Dachboden hinter Kisten und unter Teppichen verstecken. Derweil wurden meine zwei kleinen Schwestern und ich ausgeschickt, um Wasser vom Brunnen zu holen.

Ich bin auf den langen Trog geklettert, habe den Holzstab - oder wie immer der Teil genannt wird, - mit Mühe erwischt. An jedes meiner Beine hat sich eine meiner Schwestern angehängt und immer vom Boden abgestoßen. So haben wir gepumpt.

Das hat ein lieber junger Russe gesehen, der uns grinsend wegschob und für uns weiter pumpte. Da bin ich natürlich schnell ins Haus, um noch mehr Gefäße zu holen. Anschließend wollte unser neuer Freund, dass wir die Hände aufhalten, um sie mit Zucker und Fett zu füllen. Bis heute habe ich winzige Hände, damals waren sie noch viel kleiner, daher schnell zurück ins Haus, um noch ein Häferl zu holen.

Am selben Tag kam ein russischer Offizier mit Handschuhen (!) ins Haus, der gut Französisch sprach. Er verlangte höflich nach einem Zimmer. Ich war sprachlos. Das waren also die schrecklichen Russen, vor denen wir gelernt hatten, uns zu fürchten.

Irene Montjoye (Jg. 1935),

Autorin,

1030 Wien