Faschingsszene 1958 in der Tanzschule. - © privat/Molik-Riemer
Faschingsszene 1958 in der Tanzschule. - © privat/Molik-Riemer

In der Nußdorfer Straße befand sich die Tanzschule Pauser. Ich schrieb mich dort ein und besuchte sie zusammen mit einer Schulfreundin der Handelsschule. Natürlich gingen wir nicht in der Bürokleidung in die Tanzschule, sondern zogen uns festlicher an. Ich brachte mein Kleid und insbesondere die Tanzschuhe jeweils in der Früh von daheim ins Büro und nach Büroschluss zu Freundin Steffi. Dort zog ich mich um und nahm die Tageskleidung und die festen Schuhe für den weiten Heimweg in Strasshof in einer Tasche mit in die Tanzschule. Wenn mich ein Kavalier zur Straßenbahn begleiten wollte, behielt ich die Tanzschuhe an und wechselte sie erst im Zug. Es war mühsam, auf dem Land zu leben und eine feine Stadtmaus sein zu wollen. Im Februar 1958 gab es in der Tanzschule ein Faschingsfest, das ich natürlich besuchte. Im Dezember kamen Krampus und Nikolo dorthin, und es wurden Geschenke getauscht. In meinem Sackerl fand ich einen Zettel: "Sieben Berge, sieben Täler my darling, trennen mich heute von Dir." Das war der Refrain eines Schlagers, den ein Bursch mir zugedacht hatte. Er wohnte in Stadlau und ich in Strasshof, sodass uns weder Berge noch Täler trennten, sondern nur die Tatsache, dass ich schon für einen Anderen schwärmte. Beim Abschlussball der Tanzschule im Kursalon Hübner bekam ich dennoch meine Tanzkarte voll und musste im von Mama genähten weißen Brokatkleid nicht als Mauerblümchen sitzen bleiben. Bälle und Theaterbesuche waren schon deshalb ein Problem für mich als Pendlerin, weil der letzte Zug um Mitternacht aufs Land fuhr. Um halb sieben Uhr Früh musste man aber schon wieder am Bahnhof sein, um pünktlich um acht Uhr im Büro sitzen zu können. Vier Stunden vergingen täglich auf dem Weg zur und von der Arbeit. Heute, mit der S-Bahn, wäre der gleiche Weg in 2 Stunden zu schaffen.

Traude Molik-Riemer (Jg. 1942),

Malerin,

1140 Wien