• vom 12.01.2019, 09:30 Uhr

100 Jahre Republik - Tagebuch


100 Jahre Republik

Das Ordinations-Wartezimmer mit einem Klavier




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief






    Die wilde "Rasselbande" mit den kleinen Mädchen aus Penzing und ihren Puppenwagen. - © privat

    Die wilde "Rasselbande" mit den kleinen Mädchen aus Penzing und ihren Puppenwagen. © privat

    Nach Kriegsende und der Heimkehr meines Vaters zogen meine Eltern mit mir "auf die Siedlung" im 14. Wiener Bezirk. "Auf" hieß es vielleicht deshalb, weil man vom 49er "hinauf" gehen musste.

    Die Siedlung war eine Art Reihenhausanlage mit kleinen Gärtchen. Im Erdgeschoß gab es ein Wohnzimmer und eine Küche, die eine Türe in den Garten hatte, und im Oberstock, den man durch eine enge, steile Stiege erreichte, zwei kleine Zimmer. Im Keller befand sich die Waschküche, und da es kein Badezimmer gab, wurde einmal in der Woche der Waschkessel geheizt. War die Wäsche fertig, konnten wir in der großen Blechwanne, in der die Wäsche mit einer Rumpel gewaschen wurde, ein Bad nehmen. Im Sommer wurde die Wanne in den Garten gestellt und diente als "Pool".


    Mein Vater war als Dentist in einem Zahnambulatorium angestellt und eröffnete aber auch eine kleine eigene Praxis. Das bedeutete, dass ein Zimmer im Oberstock zur Ordination wurde. Allerdings stand dort auch unser Klavier, da es sonst keinen Platz gab. Unser Wohnzimmer diente als Wartezimmer. Manchmal saßen wir noch beim Mittagsessen, wenn schon der erste Patient läutete. Da wurde blitzartig der Tisch abgeräumt und wir flüchteten in die Küche.

    Mein Vater arbeitete mit einer Tretbohrmaschine, er musste also gleichzeitig treten und bohren, was ein fürchterliches Geräusch machte. Die armen Patienten! Da es in unserer Gasse keinen Verkehr gab, war ich ein Straßenkind und das mit Vergnügen. Wir waren eine richtige Rasselbande, die zwar manchmal gesittet mit Puppenwagen spazieren ging, aber auch am Heimweg von der Volksschule eine "Glöckerlpartie" machte. Jede Woche kam der Eismann, der für den Eiskasten, der im wahrsten Sinn des Wortes ein kleiner Kasten war, die Eisblöcke brachte, die man in den Eiskasten schob. Da fielen auch immer kleine Eisstückchen für uns ab, die wir so begeistert schleckten, als ob es Eis vom Tichy wäre.

    So waren diese für Erwachsene entbehrungsreichen Nachkriegsjahre für uns Kinder eigentlich unbeschwert und glücklich. So wenig brauchte es zum Glück!

    Mag. Krista Rothe (geb. 1941), pens. AHS-Lehrerin,

    2384 Breitenfurt




    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-10 18:59:27



    Werbung



    100 Jahre

    Die Chronik zu 100 Jahren Republik

    100 Jahre Republik_Tagebuch Am 12. November 1918 wurde auf der Rampe des Parlaments in Wien die Gründung der Republik Österreich ausgerufen. Ein besonderer Anlass... weiter




    12.11.1987

    Miss World Ulla Weigerstorfer

    12.11.1987: Ulla Weigestorfer - © APAweb / R. Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com Ulla Weigerstorfer schaffte es auf´s Siegerstockerl der Miss-World-Wahl – ein Mädchentraum, den vermutlich viele jungen Damen träumen... weiter




    11.11.1956

    Stefan László, Burgenlands erster Diözesanbischof

    11.11.1956: Stefan Laszlo - © ÖNB / Winkler Stefan László gilt als Motor und Baumeister der Diözese Eisenstadt und wesentlicher Identitätsstifter für das heutige Burgenland... weiter




    10.11.1978

    Theo Lingen stirbt in Wien

    10.11.1978: Theo Lingen - © ÖNB Wer erinnert sich nicht an den originellen Mittelscheitel von Theo Lingen? Der 1903 in Hannover geborene Schauspieler... weiter




    9.11.1977

    Die Entführung von Walter Michael Palmers

    9.11.1977: Palmers Entführung - © APAweb / Votava / Imagno / picturedesk.com Palmers ist Österreichs größter Textilkonzern. Die in dem typischen Palmers-grün eingerichteten Geschäfte waren schon eher Luxusshopping, aber dennoch... weiter




    8.11.1980

    Die neue Reichsbrücke

    8.11.1980: Reichsbrücke - © ÖNB / Kern, F. Die erste Reichsbrücke, im 19. Jahrhundert als Reichsstraßenbrücke begonnen und im Jahr 1868 als "Kronprinz-Rudolf-Brücke" fertiggestellt und 1876... weiter





    100 Jahre Republik

    Von der Wirkmacht der Ereignisse

    Festrede vom Maja Haderlap beim Festakt in der Staatsoper am 12. November. - © WZ/mozie Das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 ist noch nicht zu Ende, aber zurzeit liegen immerhin bereits 7/8 des Jahres hinter uns und daher können wir... weiter




    100 Jahre Republik

    Das vorläufige Ende einer langen Reise

    20181112Regierung - © APAweb / AFP, Joe Klamar Wien. Sechs Redner unternahmen am Montag in der Staatsoper den Versuch, mit eigenen Worten und eigenem Blickwinkel Geschichte und Gegenwart dieser... weiter




    Zeitgeschichte

    Republik für ein paar Stunden

    Der Gewerkschafter Hans Suchard erinnert sich am 21. November 1929 in der "Arbeiter-Zeitung" an die Heinzenland-Ereignisse im Jahr 1918. - © WZ-Collage (Quellen: ÖNB, bgld. Landesarchiv, Militärgeograph. Institut) Es war ein Fiasko. Im Dezember des Jahres 1918 riefen burgenländische Aufständische in Mattersdorf (ab 1924 Mattersburg) die Republik Heinzenland aus... weiter






    Werbung