Nach Kriegsende und der Heimkehr meines Vaters zogen meine Eltern mit mir "auf die Siedlung" im 14. Wiener Bezirk. "Auf" hieß es vielleicht deshalb, weil man vom 49er "hinauf" gehen musste.

Die Siedlung war eine Art Reihenhausanlage mit kleinen Gärtchen. Im Erdgeschoß gab es ein Wohnzimmer und eine Küche, die eine Türe in den Garten hatte, und im Oberstock, den man durch eine enge, steile Stiege erreichte, zwei kleine Zimmer. Im Keller befand sich die Waschküche, und da es kein Badezimmer gab, wurde einmal in der Woche der Waschkessel geheizt. War die Wäsche fertig, konnten wir in der großen Blechwanne, in der die Wäsche mit einer Rumpel gewaschen wurde, ein Bad nehmen. Im Sommer wurde die Wanne in den Garten gestellt und diente als "Pool".

Mein Vater war als Dentist in einem Zahnambulatorium angestellt und eröffnete aber auch eine kleine eigene Praxis. Das bedeutete, dass ein Zimmer im Oberstock zur Ordination wurde. Allerdings stand dort auch unser Klavier, da es sonst keinen Platz gab. Unser Wohnzimmer diente als Wartezimmer. Manchmal saßen wir noch beim Mittagsessen, wenn schon der erste Patient läutete. Da wurde blitzartig der Tisch abgeräumt und wir flüchteten in die Küche.

Mein Vater arbeitete mit einer Tretbohrmaschine, er musste also gleichzeitig treten und bohren, was ein fürchterliches Geräusch machte. Die armen Patienten! Da es in unserer Gasse keinen Verkehr gab, war ich ein Straßenkind und das mit Vergnügen. Wir waren eine richtige Rasselbande, die zwar manchmal gesittet mit Puppenwagen spazieren ging, aber auch am Heimweg von der Volksschule eine "Glöckerlpartie" machte. Jede Woche kam der Eismann, der für den Eiskasten, der im wahrsten Sinn des Wortes ein kleiner Kasten war, die Eisblöcke brachte, die man in den Eiskasten schob. Da fielen auch immer kleine Eisstückchen für uns ab, die wir so begeistert schleckten, als ob es Eis vom Tichy wäre.

So waren diese für Erwachsene entbehrungsreichen Nachkriegsjahre für uns Kinder eigentlich unbeschwert und glücklich. So wenig brauchte es zum Glück!

Mag. Krista Rothe (geb. 1941), pens. AHS-Lehrerin,

2384 Breitenfurt