• vom 01.09.2018, 10:00 Uhr

100 Jahre Republik - Tagebuch


100 Jahre Tagebuch

Der böse Scherz eines russischen Besatzungssoldaten




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief






    Der 71er (hier beim Zentralfriedhof 1948) blieb nach dem Krieg wegen Stromausfall oft stecken. - © Wiener Linien, Archivbild

    Der 71er (hier beim Zentralfriedhof 1948) blieb nach dem Krieg wegen Stromausfall oft stecken. © Wiener Linien, Archivbild

    In den Jahren 1945/46 kam es oft zu andauernden Stromstörungen. So auch an einem sonnigen Nachmittag im Frühjahr 1946. Ich saß im 71er und fuhr nach Schwechat, wo ich in die Preßburgerbahn umsteigen wollte, um nach Fischamend zu kommen. Die Fahrt mit war mein täglicher Schulweg.

    In Simmering blieb die Straßenbahn plötzlich stehen. Der Schaffner informierte uns: "Das Verbundnetz ist zusammengebrochen."


    So blieb den Fahrgästen nichts übrig, als zu Fuß nach Schwechat zu gehen. Es war eine lange Menschenkette, die sich verärgert dahin bewegte. Wir waren noch nicht weit gegangen, als ein russischer Lkw stehen blieb. Männer nahmen zum russischen Soldaten Kontakt auf. Er erklärte sich bereit, uns nach Fischamend mitzunehmen, und sollte uns am Hauptplatz aussteigen lassen.

    Bald war Schwechat erreicht und auf der Hainburger Straße ging es weiter. Als der Turm in der Ferne zu sehen war, machten wir uns zum Aussteigen bereit, doch - oh Schreck! - das Auto blieb nicht stehen. Mit erhöhter Geschwindigkeit brauste der Lkw Richtung Maria Elend. Der steile Anstieg der Straße am Ortsende musste mit Schwung genommen werden, daher das hohe Tempo. Einige Männer schlugen mit den Fäusten auf das Autodach und schrien: "Stehenbleiben! Wir wollen aussteigen!" Keine Reaktion! Ein Mann meinte: "Vielleicht bringt er uns nach Sibirien, wo sie Arbeitskräfte brauchen!"

    Damals befand sich am Rand unseres Ortes auf Höhe der Barton-Villa ein Triumphbogen, errichtet von der russischen Besatzung. Ein breites Band bedeckt mit cyrillischen Buchstaben und einem Sowjetstern überspannte die Straße. Beim Triumphbogen hielt der Lkw an. Der Fahrer deutete uns auszusteigen. Er lachte übers ganze Gesicht, als er unsere verdatterten und verängstigten Gesichter sah. Uns aber war das Lachen vergangen. Einige Männer beschimpften ihn auf das ärgste. Ich für meine Person zog daraus die Lehre, nie wieder in ein fremdes Auto zu steigen!

    Emma Goldmann (Jg. 1938),
    pensionierte Lehrerin,

    2401 Fischamend




    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-31 12:08:56



    Werbung



    100 Jahre

    Die Chronik zu 100 Jahren Republik

    100 Jahre Republik_Tagebuch Am 12. November 1918 wurde auf der Rampe des Parlaments in Wien die Gründung der Republik Österreich ausgerufen. Ein besonderer Anlass... weiter




    12.11.1987

    Miss World Ulla Weigerstorfer

    12.11.1987: Ulla Weigestorfer - © APAweb / R. Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com Ulla Weigerstorfer schaffte es auf´s Siegerstockerl der Miss-World-Wahl – ein Mädchentraum, den vermutlich viele jungen Damen träumen... weiter




    11.11.1956

    Stefan László, Burgenlands erster Diözesanbischof

    11.11.1956: Stefan Laszlo - © ÖNB / Winkler Stefan László gilt als Motor und Baumeister der Diözese Eisenstadt und wesentlicher Identitätsstifter für das heutige Burgenland... weiter




    10.11.1978

    Theo Lingen stirbt in Wien

    10.11.1978: Theo Lingen - © ÖNB Wer erinnert sich nicht an den originellen Mittelscheitel von Theo Lingen? Der 1903 in Hannover geborene Schauspieler... weiter




    9.11.1977

    Die Entführung von Walter Michael Palmers

    9.11.1977: Palmers Entführung - © APAweb / Votava / Imagno / picturedesk.com Palmers ist Österreichs größter Textilkonzern. Die in dem typischen Palmers-grün eingerichteten Geschäfte waren schon eher Luxusshopping, aber dennoch... weiter




    8.11.1980

    Die neue Reichsbrücke

    8.11.1980: Reichsbrücke - © ÖNB / Kern, F. Die erste Reichsbrücke, im 19. Jahrhundert als Reichsstraßenbrücke begonnen und im Jahr 1868 als "Kronprinz-Rudolf-Brücke" fertiggestellt und 1876... weiter





    100 Jahre Republik

    Von der Wirkmacht der Ereignisse

    Festrede vom Maja Haderlap beim Festakt in der Staatsoper am 12. November. - © WZ/mozie Das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 ist noch nicht zu Ende, aber zurzeit liegen immerhin bereits 7/8 des Jahres hinter uns und daher können wir... weiter




    100 Jahre Republik

    Das vorläufige Ende einer langen Reise

    20181112Regierung - © APAweb / AFP, Joe Klamar Wien. Sechs Redner unternahmen am Montag in der Staatsoper den Versuch, mit eigenen Worten und eigenem Blickwinkel Geschichte und Gegenwart dieser... weiter




    Zeitgeschichte

    Republik für ein paar Stunden

    Der Gewerkschafter Hans Suchard erinnert sich am 21. November 1929 in der "Arbeiter-Zeitung" an die Heinzenland-Ereignisse im Jahr 1918. - © WZ-Collage (Quellen: ÖNB, bgld. Landesarchiv, Militärgeograph. Institut) Es war ein Fiasko. Im Dezember des Jahres 1918 riefen burgenländische Aufständische in Mattersdorf (ab 1924 Mattersburg) die Republik Heinzenland aus... weiter






    Werbung