- © ullstein bild - Imagno
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Die Kleidung der Leute war 1945 sehr unterschiedlich. Manche hatten gute Kleider aus der Zeit vor dem Krieg. Andere hatten nichts, wenn Bomben ihre Wohnung zerstört hatten.

Mein Schuldirektor, damals sagte man "Oberlehrer", saß in kurzer Lederhose in der Kanzlei. Die hatte er gerade angehabt, als eine Bombe sein Haus zerstörte. Etwas anderes hatte er dann nicht anzuziehen. Es lachte niemand darüber. Vielen Leuten ging es so.

Einmal schickte mich die Lehrerin in die Kanzlei, um vom Oberlehrer Kreide zu holen. Er füllte meine kleine Kinderhand mit fünf (!) Stück Kreide. Als ich in die Klasse zurückkam, schlug die Lehrerin die Hände vor Freude zusammen. Es fiel mir sehr schwer, auszurichten, was mir der Oberlehrer aufgetragen hatte: Diese fünf Stück Kreide waren der Vorrat für das ganze Schuljahr!

Das Schultor sah damals aus wie heute. Auf den Stiegen stand morgens der Schulwart mit strenger Miene. Er hatte eine Kappe auf. Wir mussten mit einer Verbeugung grüßen. Er achtete darauf, dass die Hände gut am Körper angelegt waren. Bei Regen zeigte er schweigend auf den großen Fußabstreifer. Wir wussten, was das bedeutete: Lange und sorgfältig die Schuhe abputzen, um nicht sein Missfallen zu erregen. Er war mit dem "Amtskappel" eine richtige Respektsperson.

Auch Lehrer und vor allem den Oberlehrer mussten wir am Gang mit einer tiefen Verbeugung grüßen. Wenn der Oberlehrer in die Klasse kam, mussten alle Kinder schweigend aufstehen, gleich, was wir gerade machten, und so lange stehenbleiben, bis er wieder ging. Er kam oft und unterhielt sich sehr gern mit meiner Lehrerin.

Heute kann man sich die Zustände vor mehr als 70 Jahren gar nicht mehr vorstellen. Ich kann nicht behaupten, dass wir Kinder damals unglücklich waren. Wir kannten es ja gar nichts anders.

OStR Prof. Richard Zimmerl, Pensionist (Jg. 1939),

1230 Wien