Das ist jedenfalls die von den meisten Medien vielfach vermittelte Stimmung, in der die Republik nun ihren runden Geburtstag feiert. Was das angeht, ist Österreich in der Gegenwart in zahlreicher Gesellschaft. Solche Gefühle der tiefen Spaltung durchziehen längst eine stattliche Reihe hoch entwickelter Staaten in der näheren wie ferneren Nachbarschaft Österreichs.

Dennoch bleibt festzuhalten: Für einmal ist Österreich tatsächlich jene kleine Bühne, auf der die große ihre Probe hält. Die Anfänge des spezifisch österreichischen Kulturkampfs um die Heimat liegen versteckt in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und beginnen dann in der zweiten Hälfte der 1980er für alle sichtbar aufzubrechen.

Dem Jahr 1986 kommt dabei fast mythische Signalkraft zu: In diesem Juni wählt eine deutliche Mehrheit Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten, an dessen Person stellvertretend eine ganze Nation ihre Kriegs- und Nachkriegsgeschichte auf- und sich daran abarbeitete; im September erobert Jörg Haider die Spitze der FPÖ und beendet deren Experiment, sich zu einer sozialliberalen Partei zu häuten; und im November kulminieren alle diese Ereignisse im Ergebnis der Nationalratswahl; bei dieser verteidigt eine personell runderneuerte SPÖ hauchdünn Platz eins, die ÖVP verliert einen sicher geglaubten Sieg, die FPÖ startet ihr Projekt "neue Heimatpartei" mit einem Sprung in der Wählergunst; und erstmals seit 1945 schafft mit den Grünen eine neue Bewegung den Einzug in das Parlament.

Damit sind die Grundlagen für eine gänzlich neue Dynamik in der österreichischen Politik gelegt, in der sich Schritt für Schritt FPÖ und Grüne als neue Antipoden herauskristallisieren, und die dabei die beiden Traditionsparteien SPÖ und ÖVP über die Jahre und Schritt für Schritt ins Niemandsland der politischen Mitte verdrängen. Maßgeblich erleichtert, ja sogar verstärkt wurde diese anfangs schleichende, dann sich rasant beschleunigende Entwicklung durch die zunächst ab 1987 bis 2000 und dann wieder von 2006 bis Ende 2017 andauernde zweite und dritte Ära der großen Koalition. Mit den vorhersehbar unglückseligen Folgen für die politische Kultur und das Klima im Land.

Die Gründe, warum ausgerechnet Österreich als erstes westliches Land von diesem Virus einer neuen Polarisierung erfasst wurde, sind weitgehend selbst gemacht. Die Versteinerung von Politik und Institutionen war besonders hoch, der Wettbewerb zwischen den Parteien ausgesprochen gering, Veränderung schien für Jahrzehnte ein Ding der Unmöglichkeit. Das weckte von ganz allein und ohne großes Zutun von außen Frustrationen, Enttäuschungen sowie die Suche nach einem Ventil, um Druck ablassen zu können. Seitdem sich diese Bewegung in Gang gesetzt hat, versorgen sich die beteiligten Akteure selbst mit der notwendigen Energie, um die Dynamik am Laufen zu halten. Die moralische Schuld daran schiebt jede Seite verlässlich der jeweils anderen zu. Heute ist Österreich in dieser Hinsicht längst kein Sonderfall mehr, die Verwirrungen der Globalisierung haben längst zahlreiche andere Staaten mit dem Virus infiziert.