Bleibt zum 100. Geburtstag eine Frage von entscheidender Bedeutung: Beschreibt dieser Krieg der Worte, der seit Jahren die Beziehungen der Parteien zueinander, die politische Berichterstattung und, dies vor allem, die Tonlage auf den Sozialen Kanälen bestimmt, tatsächlich die reale Lebenswirklichkeit einer Mehrheit der Menschen in diesem Land? Wie viel von dieser Spannung ist bloß inszeniert, wie viel eingebildet, und wie breit ist tatsächlich der Graben, der die antagonistischen Vorstellungen über die ideale politische, ökonomische und gesellschaftliche Ordnung teilt? Oder anders gefragt: Ist diese permanente Anspannung nicht eher das Ergebnis einer atemlosen Erregung, die regelmäßig zur Empörung eskaliert, an der jedoch nur eine eklatante Minderheit der Bürger aktiv teilnimmt?

Um keinen Platz für Missverständnisse zu lassen: Natürlich gibt es weiterhin reale gesellschaftliche Spannungen von Brisanz und Relevanz. Und sogar solche, die vor allem eingebildet sind, können politische Gestaltungskraft erlangen. Hier geht es jedoch um die Schärfe der politisch vermittelten Auseinandersetzung. Denn sollte diese Schärfe tatsächlich nur der barocken Lust am Theater eines erweiterten politisch-medialen Komplexes entspringen, muss man nicht jede Inszenierung auf ihre moralische Substanz abklopfen. Dann kann heiße Luft auch gerne einmal als das abgehandelt werden, was sie dann ja auch wäre: heiße Luft. Falls dem jedoch nicht so sein sollte, und die Spannung und Spaltung real, dann schließt sich daran zwingend eine weitere Frage an: Wie nämlich Land und Leute aus diesem Teufelskreislauf wieder herausfinden können?

Letzteres würde der republikanischen Feierstimmung eine mehr als herbe Note beifügen. Deshalb an dieser Stelle ein staatsbürgerlicher Geburtstagswunsch an die Jubilarin. Zu hoffen ist, dass die Kontrahenten im ständigen politischen Kleinkrieg vor allem eines wollen: immer nur spielen. Dann, ja dann, würden sich unsere prominentesten Politiker in jene stolze Tradition des Landes einreihen, die schon eine lange Reihe großer Übertreibungskünstler in Sachen Literatur und Theater hervorgebracht hat. Quasi lauter Nobelpreisträger, jedenfalls gefühlte. Das wäre tatsächlich ein schöner und ganz bestimmt tröstlicher Gedanke. Leider gibt es für diese These nur Hinweise, keine Beweise.