Menschenmassen vor dem Parlament nach Ausrufung der Republik, 12. November 1918. Zeichnung von Wilhelm Gause. - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com
Menschenmassen vor dem Parlament nach Ausrufung der Republik, 12. November 1918. Zeichnung von Wilhelm Gause. - © Austrian Archives / Imagno / picturedesk.com

In Österreich ereignet sich Geschichte bevorzugt in anekdotentauglicher Form. Wir schreiben den Abend des 12. November 1918, ein nasskalter Dienstag. Stunden zuvor waren 150.000 Menschen auf den Beinen, um bei der Ausrufung der Republik dabei zu sein. Die Lage ist chaotisch, die Monarchie liegt in Trümmern, die Stadt ist voll ausgemergelter, hungernder Menschen. Womöglich reicht ein Funke, um die Kräfte der Revolution freizusetzen.

Das wollen die Manager des Übergangs, die Parteien, verhindern, allen voran die Sozialdemokratie. Die Feierlichkeiten vor dem Parlament sind im Detail vorbereitet, nichts soll dem Zufall überlassen sein. Doch dann fordert eine bewaffnete Gruppe um den ehemaligen k.u.k. Leutnant und Journalisten Egon Erwin Kisch die Errichtung einer sozialistischen Republik. Die Szene gerät zum Tumult, die Gruppe will in das Parlament eindringen, doch die sozialdemokratischen Ordnungskräfte halten dagegen. Kisch und Genossen treten den Rückzug an.

Die am 16. Februar 1919 gewählte Konstituierende Nationalversammlung für Deutschösterreich war das erste von Frauen und Männern in freier und gleicher Wahl berufene Parlament. - © Welt-Press-Photo / ÖNBBildarchiv / picturedesk.com
Die am 16. Februar 1919 gewählte Konstituierende Nationalversammlung für Deutschösterreich war das erste von Frauen und Männern in freier und gleicher Wahl berufene Parlament. - © Welt-Press-Photo / ÖNBBildarchiv / picturedesk.com

Doch noch geben sie ihren Kampf für eine "Räterepublik" nicht auf. Am Abend dringen Kisch und seine Rotgardisten in die Redaktion der "Neuen Freien Presse" ein und erzwingen den Druck einer Sondernummer, welche die Gründung einer sozialistischen Republik verkünden und die Erstürmung der Redaktion rechtfertigen soll.

Die Situation ist so dramatisch wie skurril. Paul Kisch, der Bruder, arbeitet als Redakteur in dem Haus, und als der "rasende Reporter" alle Redakteure zum Verlassen der Redaktion auffordert, sagt Paul: "Egonek, Egonek, das schreibe ich der Mama." So will es die österreichische Mythologie, der kein Ereignis zu groß ist, um es nicht auf die Größe einer Anekdote schrumpfen zu lassen. Arthur Schnitzler bemerkt mit Blick auf den 12. November 1918, dass auch "ein welthistorischer Tag in der Nähe nicht sehr großartig aussieht".

Egon Erwin Kisch (li.) mit Leo Rothziegel als Führer der Roten Garde in Wien. - © Ullstein Bild
Egon Erwin Kisch (li.) mit Leo Rothziegel als Führer der Roten Garde in Wien. - © Ullstein Bild

Aber ein Tag allein, auch der wichtigste, erzählt nie die ganze Geschichte. Schon in den Wochen zuvor überschlagen sich die dramatischen Ereignisse. Am 21. Oktober konstituiert sich im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse die provisorische Nationalversammlung für "DeutschÖsterreich"; am 26. Oktober löst Kaiser Karl I. per Telegramm an Kaiser Wilhelm II. das Bündnis mit Deutschland; tags darauf bittet Karl die Alliierten um einen Sonderfrieden; vergeblich. Am 28. Oktober wird in Prag die Tschechoslowakische Republik ausgerufen. Am 30. Oktober nimmt die Provisorische Nationalversammlung die vorläufige Verfassung an. Erster Beschlusspunkt auf der Tagesordnung ist eine Note an US-Präsident Woodrow Wilson, worin festgehalten ist, dass der "neue Staat" die "Gebietshoheit über alle jene Gebiete des bisherigen Österreich", beanspruche, "in denen die Deutschen die Mehrheit der Bevölkerung bilden". Im Anschluss erfolgt die "Beschlussfassung über die grundlegenden Einrichtungen der Staatsgewalt" sowie die Wahl eines Staatsrats mit drei Präsidenten, bestehend aus dem Sozialdemokraten Karl Seitz, dem Christlichsozialen Johann Hauser und dem Großdeutschen Franz Dinghofer.