Im Jahr 1918 war Wien nur noch ein Zerrbild der einstigen Metropole. Hunger, Warteschlangen vor den Geschäften und Streiks begleiteten den Zusammenbruch.

Das Anstellen wurde in der Hauptstadt zu einem neuen Massenphänomen. - © Aus: Edgard Haider: "Wien 1918. Agonie der Kaiserstadt." Böhlau Verlag 2017
Das Anstellen wurde in der Hauptstadt zu einem neuen Massenphänomen. - © Aus: Edgard Haider: "Wien 1918. Agonie der Kaiserstadt." Böhlau Verlag 2017

"O Schuld, unendliche Schuld von uns allen, grausam gerächt bis ins siebente Glied... Noch immer klagen wir nicht genug unsere Schuld an, ahnungslos gewesen zu sein. Noch immer danken wir noch nicht jenen genug, die es nicht gewesen sind." So beklagt Stefan Zweig Ende 1917 in einem Zeitungsartikel die unfassbare Tatsache, dass der vierte Jahreswechsel in einem Krieg bevorsteht, wie ihn die Welt in solchen Ausmaßen des Schreckens noch nie gesehen hat. Wie haben die Massen im Hochsommer 1914 den Krieg enthusiastisch als Erlöser bejubelt, einem reinigenden Gewitter gleich. Viele der damaligen "Hurra-Patrioten" sind auf dem "Feld der Ehre" geblieben, es gibt kaum eine Familie, die nicht einen Gefallenen, einen Kriegsinvaliden oder einen an der Front Vermissten zu beklagen hat. "Grausam gerächt bis ins siebente Glied", so fühlt sich das Alltagsleben Wiens an. Denn der technisierte Krieg ist auch Wirtschaftskrieg, der die Millionenmetropole von lebenswichtigen Zufuhren abschneidet. Die mangelnde Versorgung der Stadtbevölkerung hat mittlerweile zu einer Hungerkatastrophe geführt. Mit der Rationierung von Brot und Mehl im April 1915 hat die Mangelwirtschaft begonnen. Brot wird mit Maismehl, Gersten- oder Kartoffelwalzmehl gestreckt. Waren es anfangs nur 30 Prozent, sind es 1918 bereits 70 bis 80 Prozent. Schon längst sind Milch, Zucker, Butter, Kaffee und zuletzt auch Fleisch streng rationiert und nur über amtliche Bezugskarten erhältlich. Der Besitz einer solchen Karte bedeutet aber nicht, dass man die entsprechende Ware auch tatsächlich erhält.

Anstellen und Hamstern:
zwei Massenphänomene

Der Mangel an lebenswichtigen Gütern führt zu einem beispiellosen Massenphänomen – dem Anstellen. Hunderttausende Großstadtbewohner stellen sich täglich vor Markthallen und Greißlereien an, um bei Öffnung der Geschäfte zu den Ersten zu gehören. Nur dann hat man eine Chance, mit voller Tasche oder vollem Korb nach Hause zu gehen. Daher ist es am besten, sich bereits in den Nachtstunden anzustellen, egal ob es "waschelt", stürmt oder schneit. Geht man leer aus, so bleibt einem nur, sich die Nahrungsmittel dort zu holen, wo sie herkommen. Also auf zum Bauern aufs Land rund um Wien! Der "Hamster" wird zum zweiten Massenphänomen. Ausgerüstet mit Rucksack oder Jutesack macht sich der ausgehungerte Großstädter in irgendein "Nest" auf, wo es Mehl, Kartoffel, Milch oder Eier gibt. Doch was hat man dem Bauern anzubieten als Gegenwert? Dass er auf Geld bei der kriegsbedingten Inflation nicht Wert legt, ist verständlich. Also bleibt nichts anderes übrig, als auf den Tauschhandel umzusteigen. Und so wandert manches auf den Bauernhof, das man in Friedenszeiten als unerlässlich für eine gehobene Lebensführung ansah: Porzellangeschirr, Silberbesteck, Perserteppich, Uhren jeder Art, Biedermeiermöbel und anderes mehr. Sehr gefragt ist neumodische Technik im Dienste der Unterhaltung, in erster Linie Grammophone. Auch so mancher Klavierflügel steht plötzlich in einem Stadel. Die Bäuerin wiederum erfreut sich an Dingen, die sie zwar nicht gebrauchen kann, die ihr aber das Flair der eleganten Welt ins Haus bringen: Seidenkleider, Samtjacketts, Stöckelschuhe, aufgeputzte Hüte, Fächer, Operngucker. Wer all das nicht bieten kann, der verdingt sich als Erntehelfer auf dem Feld, und sei es nur für einen Sack Kartoffeln.
Hat man das so heiß Begehrte endlich im Rucksack und macht sich auf den Heimweg, so ist noch lange nicht gesagt, dass es tatsächlich auf dem heimischen Küchentisch landet. Denn nun drohen Kontrollen auf den Bahnhöfen. Beamte der Finanzwache und Gendarmen sind beauftragt, darauf zu achten, dass die höchstzulässigen Mengen bei rationierten Lebensmitteln eingehalten werden. Zahlreich sind die Tricks, um die Beamten zu täuschen. Doch die kennen längst die ganze Palette der Täuschungsmanöver und konfiszieren gnadenlos. In Schreiduellen, mitunter Tätlichkeiten entlädt sich der Zorn der Überführten. Lieber verschütten sie die Milch, zertreten die Eier, als sie gebrauchsfähig den Behörden zu überlassen.