• vom 11.03.2018, 08:00 Uhr

100 Jahre Republik - Texte

Update: 12.03.2018, 12:49 Uhr

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"Ich habe den Parolen über ,Arbeit und Brot‘ geglaubt"




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Von Petra Tempfer

  • Karl Knell war 17, am Tag des "Anschlusses" am 13. März 1938. Bei der Volksabstimmung stimmte er mit Ja.



"Da oben ist er gestanden", sagt Karl Knell bei einem Ausflug auf den Wiener Heldenplatz über Hitler bei dessen Rede zum "Anschluss" am 15. März vor 80 Jahren.

"Da oben ist er gestanden", sagt Karl Knell bei einem Ausflug auf den Wiener Heldenplatz über Hitler bei dessen Rede zum "Anschluss" am 15. März vor 80 Jahren.© WZ/Moritz Ziegler "Da oben ist er gestanden", sagt Karl Knell bei einem Ausflug auf den Wiener Heldenplatz über Hitler bei dessen Rede zum "Anschluss" am 15. März vor 80 Jahren.© WZ/Moritz Ziegler

Wien. Karl Knell trägt zwei Eheringe. Einen auf seiner linken und einen auf seiner rechten Hand. Der rechte, das ist seiner, sagt der 97-Jährige im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", und der linke gehöre seiner Frau. Nach deren Tod vor zwei Jahren habe er den Ring weiten lassen, ihn angesteckt und nicht mehr abgenommen. So fühle er sich weiterhin mit Liesl, seiner Frau, verbunden. Fast 70 Jahre lang waren die zwei verheiratet, nachdem sie einander 1940 kennengelernt hatten: Zwei Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich vor 80 Jahren, am 13. März 1938.

Dass dieser kurz darauf in einen Krieg münden und ihn viele Jahre von Liesl trennen würde, habe er nicht gedacht, sagt Knell. Er erinnere sich noch gut an jene Tage im März 1938 und die "imposante Schau", als die der damals 17-Jährige den "Anschluss" erlebt habe. Bereits am 12. März waren rund 65.000 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten in Österreich einmarschiert - zum Teil schwer bewaffnet, um auf Kampfhandlungen vorbereitet zu sein.

"Die Leute haben ihm zugejubelt"

"Der letzte Befehl von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, dem Oberbefehlshaber des Heeres, hatte aber jegliche Kampfmaßnahmen untersagt, um sinnloses Blutvergießen auszuschließen", so Knell. Am 11. März hatte Schuschnigg zurücktreten und sein Amt an den österreichischen Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart übergeben müssen.

Wenig später zog Adolf Hitler in Wien ein. "Beim Tegetthoff-Denkmal ist der Zug hereingekommen, die Praterstraße war gefüllt mit Menschen, der Heldenplatz sowieso", erinnert sich Knell, der im zweiten Bezirk geboren und aufgewachsen ist. Die Speerspitze der Kolonne bildete ein offenes, schweres Mercedes-Cabriolet. "Hitler ist im Cabrio stehend und mit erhobener Hand hereingefahren. Die Leute haben ihm zugejubelt."

Karl Knell

Zu Hitlers Rede am 15. März auf dem Wiener Heldenplatz kamen rund 250.000 Menschen. "Da oben ist er gestanden", sagt Knell bei einem kurzen Ausflug auf den Heldenplatz und zeigt mit seinem Gehstock auf den Balkon im ersten Obergeschoß der Hofburg. Ob er es durch die Menge rechtzeitig dorthin geschafft hat und Hitlers Rede live verfolgen konnte, oder ob er diese danach in der Wochenschau im Kino gehört hat, weiß Knell nicht mehr so genau. "Aber ich habe sie gehört - viele Male."

Politik habe ihn nie interessiert. Auch in seiner Schulklasse sei Politik vor Hitlers Einmarsch kaum Thema gewesen. Bei der Volksabstimmung im April über den bereits vollzogenen "Anschluss" stimmte Knell, der am 30. März 18 Jahre alt geworden war, dann doch mit Ja. Warum? "Ich hab’ dieses Elend in Österreich gesehen", sagt er. Kurz nach dem "Anschluss" habe er gemerkt, dass die Menschen wieder Arbeit hatten, "wieder leben konnten". Und: "Ich war ein junger Mensch und habe wie fast alle anderen den Parolen über ,Arbeit und Brot‘ geglaubt." Hitlers Propaganda sei perfekt gewesen.




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Karl Knell


Der Zeitzeuge Kral Knell im Interview

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-09 13:35:48
Letzte Änderung am 2018-03-12 12:49:09


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