Die gemischten Klassen gibt es heute noch. Der tschechische Anteil liegt etwa bei zehn Prozent. Viele von den ehemaligen Schülern studieren in Linz und Wien. Ein paar Tschechen haben sogar österreichische Klassenkollegen geheiratet.

Doch trotz dieser Erfolge, die Jahrzehnte des Misstrauens zwischen den beiden Nachbarn lassen sich nicht so einfach wegwischen. Anfang der 90er Jahre schrieben die Schüler auf elektrischen Schreibmaschinen. Auch für die tschechischen Schüler wurden welche besorgt. "Sofort gab es Neid", sagt Ettmüller. "Die Leute glaubten, dass die Schreibmaschinen den Schülern geschenkt wurden, dabei musste jeder sie selbst bezahlen."

Auch 30 Jahre später sind die beiden Gebiete noch nicht zusammengewachsen, befindet der Lehrer. Das größte Hindernis sei die Sprachbarriere. "Ein Großteil der Österreicher ist nicht in der Lage, mit den Tschechen normal zu sprechen", sagt er. "Sie sprechen mit ihnen nur im Infinitiv: Du gehen, du brauchen, usw." Ein Vorzeigeprojekt wie die Gmündner Schule auf tschechischer Seite kann er sich nicht vorstellen. "Das Interesse der Österreicher ihre Kinder nach Velenice zu schicken, ist null. Es gibt auch wenige, die drüben arbeiten", sagt er.

In Velenice und Gmünd werden mittlerweile dieselben Waren angeboten, die Unterschiede sind aber noch immer sichtbar. Gmünds pittoresker Hauptplatz mit frisch gestrichenen bunten Häusern aus dem 16. Jahrhundert, Velenices in knalligen Farben bemalte Plattenbauten. Gmünds rauchfreier Bahnhof in Glas und Stahlbeton, Velenices Bahnhof mit abblätternder Fassade, freistehenden Heizungen, Alkohol- und rauchgeschwängertem Beisl. Gmünds SUV-Fahrer, Velenices Fußgänger.

Gmündner Bahnhof im Jahr 1912. - © Stadtarchiv Gmünd
Gmündner Bahnhof im Jahr 1912. - © Stadtarchiv Gmünd

Tausende Arbeitsplätze

1870 wurde Gmünd an die Bahnstrecke von Wien nach Prag angeschlossen. Aus dem verschlafenen Provinznest entwickelte sich rasch eine prosperierende Stadt mit Tausenden Arbeitsplätzen. Der prachtvolle Bahnhof und dazugehörige großzügige Werkstätten wurden in den zwei Gmündner Vororten Böhmzeil und Unter-Wielands angesiedelt. Neben der Bahnhofswerkstatt siedelte sich auch die Textilindustrie an. Darunter Backhausen und Baumann Dekor, bekannt als Erzeuger spezieller Stoffe, die auch in Luxushotels oder auf Kreuzfahrtschiffen zu finden sind.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Europa neu aufgeteilt. Böhmzeil und Unter-Wielands wurden zusammengefasst und gingen samt Bahnhof an die Tschechoslowakei. Ihr neuer Name: České Velenice (Böhmisch Wielands). Die Grenzziehung vor hundert Jahren war der Auftakt für den Hass, der danach geschürt wurde, erklärt der Historiker Harald Winkler. "Das hat die Leute sehr geprägt." Drei Generationen wurden auf beiden Seiten aufgehetzt, zuerst durch rechtsradikale Politik, später im Kampf der Ideologien Kommunismus gegen Kapitalismus. Die Tschechen bezeichneten die Österreicher abfällig als "die Bauern", die Österreicher bezeichneten die Tschechen als "falsche Behm‘", sagt Ettmüller. "Das sitzt noch immer in den Köpfen der Alten." Winkler ergänzt: "Es war nie ein Problem, dass hier Tschechen und Deutsche zusammengelebt haben. Es ist der nationalistischen Politik zuzuschreiben, dass es dann auseinanderging. Wir sind wir und das sind die Anderen."