Die Staatsgrenzen der beiden neugegründeten Republiken Österreich und Tschechoslowakei wurden 1919 im Vertrag von Saint-Germain geregelt. Österreich als Verursacher und Verlierer des Ersten Weltkrieges musste den von den Alliierten und ihren Verbündeten vorgelegten Vertrag unterschreiben. "Die Tschechen haben uns dieses Gebiet weggenommen, wir müssen es uns wieder zurückholen", hieß es bald von Politikern und in der Bevölkerung. Der Vertrag wurde als "Schandfriede" bezeichnet.

Knapp 20 Jahre später wurde das Gebiet tatsächlich "zurückgeholt". Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Velenice im Herbst 1938 an Gmünd angeschlossen. Die tschechischen Bewohner wurden gewaltsam vertrieben. Velenice hieß nun Gmünd III, ein Begriff, der heute noch von der älteren Bevölkerung verwendet wird. Der Stadtteil wurde mit deutschsprachigen Menschen besiedelt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Niederlage der Nationalsozialisten wurden die Grenzen wieder hergestellt. Nun wurde die deutsche Bevölkerung gewaltsam aus Velenice vertrieben.

Doch auch viele Tschechen mussten ihre Häuser zurücklassen. Das tschechische Regime wollte möglichst wenige Menschen in der Nähe Österreichs haben, die noch eine Beziehung zu Gmünd hatten. Besiedelt wurde die Stadt mit Tschechen aus dem Landesinneren. 1951 wurde die Grenze mit dem Eisernen Vorhang befestigt. Wer aus der Tschechoslowakei nach Österreich fliehen wollte, wurde erschossen.

"Die Soldaten waren eiskalt", erzählt Jaromir Koc. "Einmal bin ich mit meinem Vater und mit meinem Bruder auf dem Fahrrad in Richtung Grenze gefahren. Sobald uns die Soldaten sahen, haben sie ihre Waffen auf uns gerichtet." Es war eine Zeit, in der niemand wusste, dass er arm war, weil das die Norm war. Alle waren gleich. Prag, Warschau und Moskau waren Velenice in dieser Zeit näher als Gmünd. "Wir wussten nicht, was sich hinter der Grenze abspielt", erzählt Koc. "Wir wussten aber, dass es dort ganz anders sein musste als bei uns."

Feuerwerk über Gmünd

Er erzählt von Silvester, als jedes Mal das Gmündner Neujahresfeuerwerk den Himmel erleuchtete. "Bei uns war nichts. Feuerwerkskörper gab es ja nicht zu kaufen." Er erzählt von der Grundschule, von der man aus dem Fenster im 3. Stock die Dächer von Gmünd sehen konnte. Er verbrachte Stunden damit seinen Blick auf Österreich zu richten. Er versuchte sich vorzustellen, wie die nur wenige 100 Meter entfernt wohnenden Menschen wohl leben würden. Was sie beschäftigt, worüber sie sich freuen, wie sie über die Menschen in Velenice denken.

Koc erzählt vom heimlichen ORF-Schauen und Ö3-Hören. "Ich habe Milka Jahre vorher gekannt, bevor ich sie gekostet habe, ich wusste, dass irgendetwas kuschelweich sein kann, auch wenn ich damals noch kein Deutsch konnte." Probleme mit dem Empfang gab es nicht. "Die Antenne in Weitra, zehn Kilometer südlich von Gmünd, war stark genug."