Gmünds Stadtchefin Helga Rosenmayer. - © Bernd Vasari
Gmünds Stadtchefin Helga Rosenmayer. - © Bernd Vasari

Dann wurde der Stacheldraht eines Tages eingerollt, die Wachtürme abgebaut. "Es war komisch. Ich bin mit Verwandten auf die andere Seite gefahren, wo ich dann alle aus Velenice traf." Die wichtigsten Orte in Gmünd wurden für ihn Libro für CDs und Schallplatten und die Trafik. "Das Erste, was ich mir kaufte, war eine ,Bravo‘. Ich habe diese Ausgabe noch immer daheim", erzählt er. In dem Heft war eine signierte Karte von Batman-Darsteller, Michael Keaton. "Ich war geschockt, als ich erfuhr, dass ,Bravo‘ jede Woche erscheint. Das konnte ich mir nicht leisten." Auf der Seite von Velenice wurden Deutschkurse angeboten. Die ersten ausgerechnet auf dem alten Bahnhof. Koc erinnert sich an die erste Lektion: "Entschuldigen Sie, wann kommt der Zug aus Prag? Der Zug aus Prag, er ist um 8 Uhr da."

Doch wie sollte Vertrauen zwischen den Nachbarn geschaffen werden? Wie sollte aus politischen Wirren Freundschaft werden? "Auf Gemeindeebene hat die Zusammenarbeit sehr schnell angefangen", sagt der Bürgermeister von České Velenice, Jaromir Sliva, ein schüchterner, bedächtig sprechender Mann, blaues Hemd, Kurzhaarschnitt. "Wir haben gegenseitig an unsere Türen und Fenster geklopft, versucht herauszufinden, wo wir einer Meinung sind." Bald darauf gab es gemeinsame Kulturveranstaltungen, Feuerwehrfeste, Sportturniere.

Die Bevölkerung tat sich jedoch schwer nach all den Jahren aufeinander zuzugehen. "Für die normalen Leute hat man keinen Platz gefunden, wo sie sich kennenlernen können", sagt Sliva. Die Sprachbarriere und die enormen ökonomischen Unterschiede bremsten die Bemühungen. Ein Großteil der Alten war zudem sehr ängstlich. "Sie haben in ihrem Leben gelernt, dass Veränderung für sie immer Verschlechterung bedeutete", sagt Sliva.

Gemeinsam gegen Lkw-Transit

Auf der anderen Seite in Gmünd amtiert Helga Rosenmayer als Bürgermeisterin. Grüne Jacke über schwarzem Oberteil, dunkle Rahmenbrille, verschmitzter Blick. Sie stimmt ihrem Kollegen aus Velenice zu: "Die Zusammenarbeit der beiden Gemeinden läuft sehr gut. Wir sehen uns als gemeinsame Region." Sie zählt die gemeinsamen Errungenschaften auf. Die grenzübergreifende Gesundheitsversorgung in den zweisprachig angeschriebenen Krankenhäusern, den Staatsvertrag zwischen den Rettungen und den Feuerwehren, die grenzüberschreitend im Einsatz sind. Auch eine Landkarte sei in Planung, auf der neben Gmünd auch České Velenice abgebildet ist. Gemeinsam versucht man zudem, den Lkw-Transitverkehr durch die beiden Städte einzudämmen.

Aus dem Fenster blickte Jaromir Koc jahrelang nach Österreich.
Aus dem Fenster blickte Jaromir Koc jahrelang nach Österreich.

Unterstützung halten die beiden Nachbarorte von der Europäischen Union. "Wenn man grenzüberschreitende Projekte entwickelt, bekommt man leichter die EU-Förderung", gesteht Rosenmayer. Sie sagt aber auch: "Wenn man wo Europa spüren kann, dann bei uns." Für sie steht fest: "Man muss die Sprache des Nachbarn können." Sie räumt im gleichen Atemzug jedoch ein, dass weder sie noch Sliva, ihr Amtskollege aus Velenice, die Sprache des anderen sprechen. "Wir verstehen uns gut, aber wir verstehen uns nicht", sagt sie und lacht. "Wir haben uns aber einen Zeitrahmen von 20 Jahren ausgemacht, in der wir die Sprachen erlernen." Ob es bis dahin klappen wird?