Die Enteignungen und Vertreibungen der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg waren durch die Beneš-Dekrete des damaligen Staatspräsidenten Edvard Beneš legitimiert. Sie gelten nach wie vor. Wie geht Lehrer Ettmüller in den gemischten tschechisch-österreichischen Klassen damit um? Werden die Verordnungen thematisiert? "Ich versuche, den Schülern zu erklären, warum es sie gibt", sagt Ettmüller. "Ich erkläre ihnen die Vorgeschichte, dass die Nazis in Tschechien schwere Verbrechen begangen haben." Die Schüler würde es aber kaum interessieren. Ettmüller ist dafür, dass die Dekrete rechtlich aufgehoben werden, ohne Konsequenzen. "Die Tschechen befürchten ja eine Flut von Klagen, weil die Österreicher mit der Aufhebung der Dekrete ihre Grundstücke zurückfordern könnten."

Brisanter unter den Schülern ist das Atomkraftwerk Temelin, nördlich von České Budejovice. Ein Thema, das beide Seiten emotionalisiert. "Ich bin kein Freund der Atomkraft", sagt Ettmüller. Von seinen tschechischen Schülern bekam er zu hören: "Das ist Propaganda, was Sie da sagen." Ettmüller argumentierte, wie gefährlich diese Technologie sei. "Ich wollte ihnen die Augen dafür öffnen. Das ist mir aber oft nicht gelungen", sagt er. Der Lehrer versteht aber auch die tschechische Seite. Durch den jahrzehntelangen Kohleabbau sei die Natur in Nordböhmen kaputt gewesen. Dabei brauche Tschechien im Aufbau von einem rückständigen in einen modernen Staat viel Energie. "In Österreich sitzen wir mit unserer Wasserkraft im gelobten Land. Das kann man nicht mit Tschechien vergleichen."

Im Gegensatz zur Schule werden die Beneš-Dekrete und das Atomkraftwerk auf der Gemeindeebene nicht thematisiert. "Man schaut eher auf die Dinge, die funktionieren", sagt Bürgermeisterin Helga Rosenmayer. "So kommt man aufeinander zu." Die Beneš-Dekrete seien zudem nur noch für Historiker interessant. Nachsatz: "Irgendwann muss es mit diesem Thema auch vorbei sein. Man darf es nicht vergessen, aber irgendwann wollen wir als Region in Frieden zusammenleben", sagt sie.

Auf ein Bier in Velenice

Bürgermeister Sliva stimmt zu. Wichtiger sind ihm alltägliche Dinge. "Mein Traum ist es, dass sich zwei Bauern, einer aus Österreich, einer aus Tschechien, auf ein Bier in Velenice treffen", erklärt er. "Sie haben dabei nicht in den Köpfen, dass sie sich nicht verstehen. Sie reden miteinander über ihre Probleme als Landwirt, über ihre Familien, Alltägliches. So, wie es unter Gleichsprachigen auch ganz normal passiert."

Velenices Stadtchef Jaromir Sliva. - © Bernd Vasari
Velenices Stadtchef Jaromir Sliva. - © Bernd Vasari

Sliva ist zuversichtlich, wenn er in die Zukunft blickt. Die Generation, die nach 1989 geboren wurde, interessiert die Vergangenheit nicht. "Wenn ich meine Tochter frage, was sich im November 1989 abspielte, dann sagt sie: ‚Ich weiß es nicht‘", sagt Sliva. "Dann bin ich zwar sauer. Es zeigt aber auch, dass die Jugend unserer Geschichte mit Leichtigkeit begegnet. Das finde ich gut."

Auch Ettmüller erklärt: "‚Das ist so weit weg von uns‘, sagen die Jungen. Es gibt keinen Bezug mehr dazu." Seine Schüler haben auch keine Ahnung, was Kommunismus bedeutet. Der stark reduzierte Geschichtsunterricht mache es nicht möglich, die Ideologie den Schülern näherzubringen, ihnen zu erklären, was Marxismus wirklich ist.

Auch Jaromir Koc sieht ein Generationengefälle: "Viele Tschechen hassen es, wenn jemand zu Velenice Gmünd III sagt. Es sind vor allem die Alten, die es auf der einen Seite so nennen, und die Alten, die es auf der anderen Seite so hassen. Mich stört das nicht."

Auch wenn es nicht perfekt ist, der Trend geht in eine Richtung, ist auf beiden Seiten immer wieder zu hören. Die Alten würden einander mit hängenden Köpfen begegnen, die Generation danach grüßt sich, die Jungen kümmert es nicht, ob jemand Tscheche ist oder Österreicher. Sie sind es gewohnt, dass die Grenze keine Bedeutung mehr hat.