• vom 02.11.2018, 17:16 Uhr

100 Jahre Republik - Texte

Update: 02.11.2018, 17:33 Uhr

Leitartikel

Schatztruhe Geschichte




  • Artikel
  • Kommentare (9)
  • Lesenswert (24)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Hämmerle

  • Leitartikel

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

In diesen Tagen vor 100 Jahren war die Monarchie schon Geschichte. Die feierliche Ausrufung der Republik erfolgt zwar erst am 12. November 1918, doch mit der Annahme der vorläufigen Verfassung durch die Provisorische Nationalversammlung war die Staatswerdung des neuen Österreichs als Republik eigentlich am 30. Oktober abgeschlossen.

Ungeachtet dessen wirkten die Traditionen und Strukturen der Monarchie weiter fort. Manchmal gebrochen durch die neuen Verhältnisse, mitunter aber auch direkt, und das bis in unsere Gegenwart. Das Allgemeine Bürgerlichen Gesetzbuch wurde 1811 erlassen, das Prinzip der Gemeindeautonomie 1862, das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Bürger 1867. Auch die Vorläufer von ÖVP, SPÖ und FPÖ entstanden allesamt Ende des 19. Jahrhunderts; Rechnungshof und Verfassungsgerichtshof sind ebenfalls keine Erfindungen der Republik; und das Amt des Bundespräsidenten trägt unübersehbare Ähnlichkeiten mit dem eines konstitutionellen Monarchen.


Im breiten politischen Bewusstsein ist davon wenig bis nichts verankert. Mit der Erinnerung an die Monarchie ließ sich in den Anfängen der Republik nicht wuchern. Es dominierten die Erzählungen von Unterdrückung und Rückständigkeit sowie die Mär vom Völkerkerker, die in Teilen zwar durchaus Berechtigung haben, aber eben nicht das Ganze erfassen. Nach 1945 regredierte die Erinnerung dann auf das Märchen von Sisi und dem guten alten Kaiser Franz Joseph. In Wirklichkeit war die eine mit schweren psychischen Problemen belastet und der andere überhaupt ein Unglück für den Staat.

Die Probleme des zusammenwachsenden Europas sorgen nun für neues Interesse an der Doppelmonarchie, ist es dieser doch über einen erstaunlich langen Zeitraum gelungen, unterschiedliche Nationen und Kulturen zu integrieren. Wie solches gelingen konnte, ist heute wieder relevant. Daher erfährt die Sprach-, Religions- und Bildungspolitik der Monarchie neue Aufmerksamkeit.

Doch Geschichte wiederholt sich nicht, nicht einmal als Farce. Gottseidank. Dafür bietet die Vergangenheit einen unerschöpflichen Fundus an Erfahrungen, an denen sich jede Generation von Neuem nach ihren Bedürfnissen bedienen sollte. Die jeweiligen Schlussfolgerungen und Lehren sind dabei ausschließlich und zwingend den Fragen der Gegenwart geschuldet. Wer etwa über die Unterschiede in der politischen Kultur zwischen Österreich und der Schweiz rätselt, dem könnte das Wissen helfen, dass die Eidgenossen bereits 40 Jahre Demokratie praktizierten, bevor sie Parteien hatten. Als Österreich demokratisch wurde, gab es die Parteien schon 40 Jahre.




9 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-11-02 17:28:04
Letzte Änderung am 2018-11-02 17:33:31


100 Jahre

Die Chronik zu 100 Jahren Republik

100 Jahre Republik_Tagebuch Am 12. November 1918 wurde auf der Rampe des Parlaments in Wien die Gründung der Republik Österreich ausgerufen. Ein besonderer Anlass... weiter




12.11.1987

Miss World Ulla Weigerstorfer

12.11.1987: Ulla Weigestorfer - © APAweb / R. Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com Ulla Weigerstorfer schaffte es auf´s Siegerstockerl der Miss-World-Wahl – ein Mädchentraum, den vermutlich viele jungen Damen träumen... weiter




11.11.1956

Stefan László, Burgenlands erster Diözesanbischof

11.11.1956: Stefan Laszlo - © ÖNB / Winkler Stefan László gilt als Motor und Baumeister der Diözese Eisenstadt und wesentlicher Identitätsstifter für das heutige Burgenland... weiter




10.11.1978

Theo Lingen stirbt in Wien

10.11.1978: Theo Lingen - © ÖNB Wer erinnert sich nicht an den originellen Mittelscheitel von Theo Lingen? Der 1903 in Hannover geborene Schauspieler... weiter




9.11.1977

Die Entführung von Walter Michael Palmers

9.11.1977: Palmers Entführung - © APAweb / Votava / Imagno / picturedesk.com Palmers ist Österreichs größter Textilkonzern. Die in dem typischen Palmers-grün eingerichteten Geschäfte waren schon eher Luxusshopping, aber dennoch... weiter




8.11.1980

Die neue Reichsbrücke

8.11.1980: Reichsbrücke - © ÖNB / Kern, F. Die erste Reichsbrücke, im 19. Jahrhundert als Reichsstraßenbrücke begonnen und im Jahr 1868 als "Kronprinz-Rudolf-Brücke" fertiggestellt und 1876... weiter





Werbung



100 Jahre Republik

Vom Landleben und feinen Stadtmäusen: ein Pendlerdasein

Faschingsszene 1958 in der Tanzschule. - © privat/Molik-Riemer In der Nußdorfer Straße befand sich die Tanzschule Pauser. Ich schrieb mich dort ein und besuchte sie zusammen mit einer Schulfreundin der... weiter




100 Jahre Republik

Das Ordinations-Wartezimmer mit einem Klavier

Die wilde "Rasselbande" mit den kleinen Mädchen aus Penzing und ihren Puppenwagen. - © privat Nach Kriegsende und der Heimkehr meines Vaters zogen meine Eltern mit mir "auf die Siedlung" im 14. Wiener Bezirk... weiter




100 Jahre Republik

Die letzte Wahlrede

- © Gaschurnpartenen In Ihrer Serie "Tagebuch - 100 Jahre Republik" hat mich der Beitrag von Renata Schmidtkunz über ihre erste Begegnung mit Bruno Kreisky sehr berührt... weiter






Werbung