Aber nicht Stürghks Tod, sondern das Ableben des Kaisers am 22. November löste die Rückkehr zum Parlamentarismus aus, der allerdings im Sommer 1917 in alter Uneinigkeit und Obstruktion wieder auflebte. Dennoch hatte Adlers Tat zumindest als Katalysator gewirkt, der die gemäßigten Kräfte rund um Kaiser Karl I. überzeugte, dass es ohne Parlament keine Rückkehr zur Normalität geben konnte. Nach einem kurzen Intermezzo der Regierung Koerber (30. 11. 1916 bis 23. 12. 1916) ernannte der junge Kaiser Heinrich Clam-Martinic zum neuen Regierungschef - und im Mai des Folgejahres war es dann soweit: Karl I. erneuerte die Man-date der verbliebenen Abgeordneten, wenn auch ohne Wahlen, was eineinhalb Jahre später für die Legitimität der Republikgründer Deutschösterreichs eine Rolle spielen sollte. Immerhin konnten sich die Mitglieder der Provisorischen Nationalversammlung auf die Reichstagswahlen 1911 stützen, aber dieses Ereignis lag im November 1918 schon lange zurück. Doch die ersten republikanischen Wahlen (der konstituierenden Nationalversammlung) am 16. 2. 1919 lösten dieses Problem.

Was aber geschah mit dem Mörder, dem das Ausnahmegericht unter dem Vorsitzenden Vizepräsidenten und Landesgerichtsrat von Heidt einen fairen Prozess machte? Friedrich Adler wurde trotz Todesstrafe, die unweigerlich bei einem Mord drohte, nicht hingerichtet. Sein Abgang war fulminant. Am Tag der Urteilsverkündung (19. 5. 1917) mussten die Justizbeamten den Saal räumen lassen, vor dem Landesgericht kam es zu Tumulten und einer Verhaftungswelle. Die Zuhörer hatten Adler beim Prozess Beifall gezollt und die "Internationale" angestimmt. Nach einer erfolglosen Nichtigkeitsbeschwerde des Anwalts Harpner und einem Begnadigungsakt des Kaisers Karl I. wurde die Todesstrafe vom Obersten Gerichtshof in eine 18-jährige Kerkerstrafe umgewandelt, Adler als "Politischer" in die Strafanstalt Stein bei Krems verlegt.

Am Ende seiner kurzen Herrschaftsepoche erwies Karl I. dem Sohn des von ihm geschätzten Victor Adler sogar die für einen Attentäter höchst seltene, aber durch die Niederlage im Krieg und die notwendige Kooperation mit der SDAP begründete Gunst der Begnadigung und Freilassung aus dem Gefängnis. Die Amnestie kam auch anderen politisch motivierten Straftätern zugute, darunter auch Kommunisten. Was danach folgte, ist bekannt und wird anlässlich des Republikjubiläums im November 2018 vielfach aufgearbeitet werden.

Epilog

Dass die bis zum Adels-Verbot 1919 aristokratische Familie Stürgkh auch in der Zweiten Republik Akzente setzte, wissen wir dank des langjährigen Opernball-Engagements von Desirée Treichl-Stürgkh, die laut autobiographischen Anmerkungen aus einem einstmals verarmten Familienzweig des Reichsgrafen Karl stammt. Aber auch schon 1954 wurde der Nationalratsabgeordnete Berthold Stürgkh Präsident der damals neu gegründeten "Interparlamentarischen Union".

Zwei Jahre davor hatte sich Friedrich Adler per Flugzeug aus der Schweiz nach Wien-Schwechat begeben, um den 100. Geburtstag seines Vaters zu feiern. Ein Zollbeamter und ein erstaunt wirkender Polizeibeamter in Zivil nahmen ihn in Empfang. Der Augenblick, in dem der einst zum Tode verurteilte Attentäter der Obrigkeit der Zweiten Republik begegnete, wurde in einer Schwarzweiß-Aufnahme verewigt.

Sowohl dieses einzigartige Foto als auch die gesamten Prozessakten, die Aufschluss über die politischen Zustände der Jahre 1916/17 geben, sind in der bereits erwähnten, verdienstvollen Studie von Michaela Maier und Georg Spitaler abgedruckt. Ein einleitender Essay beleuchtet die Umstände des Mordes und des Schauprozesses im Lichte ideologischer, familiärer und ödipaler Aspekte.