"Mit digitalem Euro, bitte!" So könnte in Zukunft die Melange im Kaffeehaus bezahlt werden. Noch steckt die digitale Version des Euros aber in den Kinderschuhen. Die Europäische Zentralbank (EZB) prüft derzeit in einem zweijährigen Untersuchungsverfahren, ob und wie ein digitaler Euro sinnvoll wäre.

"Unsere Arbeit soll sicherstellen, dass Privatpersonen und Unternehmen im digitalen Zeitalter weiterhin Zugang zu der sichersten Form von Geld - dem Zentralbankgeld - haben", wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Projektwebsite zitiert. Digital und fast anonym wäre das Zahlungsmittel - klingt ein bisschen nach Kryptowährung, ist es aber nicht.

Tatsächlich wäre der digitale Euro das Gegenteil von Bitcoin und Co. Denn beim digitalen Euro würde es sich um eine staatliche Währung handeln, die per Definition risikofreies Zentralbankgeld wäre. Der Unterschied zu Krypto-Assets ergibt sich dadurch, dass hinter dem digitalen Euro eine zentrale Institution steht - die Zentralbank -, die für den Wert der Währung geradesteht. Kryptowährungen wie Bitcoin haben das nicht. Sie werden dezentral gemanagt, und der Kurs wird von Angebot und Nachfrage bestimmt.

Warum überhaupt ein digitaler Euro?

"Die Überlegungen wälzen wir auch vor dem Hintergrund ungünstiger Zukunftsszenarien", sagt Beat Weber von der Österreichischen Nationalbank (OeNB). Ein konkreter Anstoß sei "Libra" gewesen - eine von Facebook geplante Kryptowährung, die potenziell gefährlich für die Finanzstabilität und die Geldsouveränität werden hätte können. "Libra" ist mittlerweile zwar wieder vom Tisch, doch die EU möchte sich für ähnliche Szenarien wappnen.

"Eine nicht so günstige Entwicklung könnte sein, dass große ausländische Konzerne den Zahlungsmarkt aufmischen und dann kommerziell ungünstig agieren", sagt Weber. Mangelhafter Datenschutz wäre eine mögliche Folge. Zudem könnte ein eingeschränkter Wettbewerb entstehen, indem ein Konzern "die Eintrittskarte in eine digitale Welt mit einem Zahlungsmittel verknüpft, aus dem der Konsument dann schwer raus kann". Mit einer digitalen europäischen Währung soll Resilienz aufgebaut werden, und eine solche Abhängigkeit von ausländischen Zahlungsanbietern verhindern werden.

Der digitale Euro ist im Grunde wie ein gewöhnlicher Euro - nur eben elektronisch. Sowohl bei Bargeld als auch beim digitalen Euro haftet die Zentralbank für den Wert des Geldes. Für die Aufbewahrung und Weitergabe ist der Nutzer verantwortlich (beim digitalen Euro könnten das auch private elektronische Brieftaschen-Betreiber übernehmen).

Zum Einsatz soll er überall dort kommen, wo die Zahlung mit Münzen und Scheinen nicht mehr möglich oder unpraktisch ist. Das wäre beispielsweise bei Zahlungen im Internet oder in Alltagssituationen wie beim Supermarkteinkauf der Fall. Das Bargeld soll deswegen aber nicht verschwinden, wird seitens der Europäischen Zentralbank betont. Der digitale Euro sei nur als Ergänzung angedacht, und soll jederzeit in Bargeld oder in Einlagen bei Geschäftsbanken konvertiert werden können.

Unterschied zum Online-Banking

Bargeldloses Bezahlen ist mit einem Bankkonto aber auch jetzt schon möglich. Wo liegt hier also der Unterschied zum geplanten digitalen Euro? Zum einen wäre die Garantieform anders: Beim Bankkonto steht nicht die Zentralbank für den Wert ein, sondern die Geschäftsbank. Auch die Aufbewahrung und Weitergabe wird von ihr übernommen. "Bei der Bank gibt es die Einlagensicherung, wenn etwas schiefläuft. Beim digitalen Euro haftet die Zentralbank", erklärt Beat Weber.

Grundsätzlich könne man hier nicht zwischen "gut" und "böse" unterscheiden, meint der Ökonom. Dennoch gebe es Unterschiede, die erfreulich sein können: Anders als bei Geschäftsbanken sollen beim digitalen Euro die Daten nicht in kommerzielle Geschäfte eingebunden werden können. Die Zahlungen sollen ähnlich anonym wie mit Bargeld ablaufen können. "Privatsphäre ist ein Wunschmerkmal des digitalen Euro, aber es muss abgewogen werden", sagt Weber. Schließlich soll er nicht Tür und Tor für kriminelle Aktivitäten wie Steuervermeidung und Geldwäsche öffnen. Bei Verdacht auf illegale Tätigkeiten müsse der Nutzer daher identifiziert werden können.

Das Ziel sei eine technisch und juristisch ausgewogene Mischung nach dem Motto: "Keine Überwachungsinstanz, aber dennoch rechtskonform und keine Einladung zur Umgehung von bestehenden Rechten und Pflichten". Dass man das öffentlichwirksam glaubwürdig darstellt, würde eine große Herausforderung werden, so Weber.

Soll kein
"Ökologiedesaster" werden

Ein Problem bei Kryptowährungen wie Bitcoin ist der enorme Energieverbrauch, der durch das komplexe Transaktionsverfahren entsteht. Ein solches "Ökologiedesaster", wie Beat Weber es nennt, soll der digitale Euro nicht werden. Dass der CO2-Ausstoß möglichst geringgehalten wird, sei ein Leitgedanke bei den Planungen.

Getestet wurden Transaktionssysteme wie das "Target Instant Payment Settlement" (TIPS) des Eurosystems und Alternativen wie Blockchain. Damit seien bis zu 40.000 Transaktionen pro Sekunde möglich. Der Energieverbrauch für die Kerninfrastruktur sei im Vergleich zu Krypto-Assets vernachlässigbar, heißt es in einem Bericht der EZB.

Bedenken hat der OeNB-Ökonom, dass man zu viel des Guten macht: "Wir wollen Vielfalt sichern und nicht Verstaatlichung durch die Hintertür machen." Deshalb müsse man schauen, dass man nicht wie der Elefant im Porzellanladen über alles "drüber trampelt" und das Bankengeschäft "komplett kassiert". Es soll Platz für private Angebote bleiben - sofern diese regulierbar sind.

Bis feststeht, ob der digitale Euro tatsächlich eingeführt wird, dauert es noch eine Weile. Die aktuell laufende Untersuchungsphase ist im Oktober 2023 zu Ende, dann würden weitere Ausgestaltungen folgen. Binnen fünf Jahren könne man mit einer Entscheidung rechnen, schätzt Weber.