"Wiener Zeitung": Wenn Sie an das Jahr 2050 denken: Werden wir mehr arbeiten oder weniger?

Jörg Flecker: Wenn wir die aktuellen Entwicklungen in die Zukunft fortschreiben, werden die Arbeitszeiten wohl immer unterschiedlicher. Ein Teil der Beschäftigten wird kürzer (erwerbs)arbeiten, weil sie es sich gut leisten können, und ein Teil wird kürzer arbeiten als heute, obwohl sie zu wenig verdienen. Letzteren gelingt es nicht, ausreichend viele bezahlte Arbeitsstunden zu bekommen. Andere werden gleich lang oder länger als heute arbeiten. Das sind einerseits Hochqualifizierte und Gutverdienende, andererseits Niedrigbezahlte mit mehreren Jobs. Wenn wir von einem anderen Szenario ausgehen, passiert bis dahin viel für einen sozial-ökologischen Umbau, zu dem auch eine radikale Arbeitszeitverkürzung gehört. Dann wäre bis 2050 in Europa die 25-Stunden-Woche umgesetzt mit zusätzlichen Auszeiten - etwa für junge Eltern oder lange Urlaube.

Wer sind aus Ihrer Sicht die Verlierer des technischen Wandels?

Zum einen gehen Arbeitsplätze verloren oder verändern sich stark, weil ein großer Teil der Tätigkeiten automatisiert werden kann - egal ob in der Fabrikshalle, im Büro oder im Handel. Es gehen aber auch Arbeitsplätze verloren, weil die Wirtschaft insgesamt einem Strukturwandel unterworfen ist. Die Umstellung auf den Online-Handel hat zwar etwas mit Technologie zu tun, hauptsächlich aber jagen neue Unternehmen wie Amazon dem stationären Handel Kunden und Kaufkraft ab. Zwar nimmt die Zahl der Arbeitsplätze sowohl im Segment der hohen als auch der niedrigen Qualifikationen zu, während es eher im Bereich der mittleren Qualifikationen zu Verlusten kommt. Doch haben die Personen mit mittlerer und höherer Ausbildung immer noch die Möglichkeit, die Niedrigqualifizierten zu verdrängen und deren Jobs zu übernehmen.

Wer sind die Gewinner?

Wie schon bisher profitieren diejenigen, die über eine gute Ausbildung verfügen und Zugang zu Weiterbildung haben. Leider bekommen Personen mit niedriger Ausbildung viel seltener die Chance zu betrieblicher Weiterbildung als die Höhergebildeten. Tendenziell werden Männer weiterhin die Gewinner der Entwicklung sein, wenn nicht massiv gegengesteuert wird. Das hat damit zu tun, dass viele Routinearbeiten in Fabrik und Büro schon lange zu Frauenarbeiten gemacht worden sind und andererseits viele gefragte neue Technikqualifikationen reine Männerdomäne zu bleiben scheinen. Auch die ungleiche Aufteilung von Berufsarbeit einerseits und Sorgearbeit in Familie und Haushalt andererseits benachteiligt Frauen etwa bei der Weiterbildung oder durch lange betriebliche Arbeitszeiten - Stichwort: 12-Stunden-Tag.