Europa, eingebettet zwischen den USA, Asien und Afrika, bleibt in seiner Gesamteinwohnerzahl relativ konstant. Die EU etwa hat heute und wird 2050 laut Prognosen etwas mehr als 500 Millionen Einwohner haben. Innerhalb Europas sind die Bevölkerungszahlen der einzelnen Länder aber alles andere als konstant. Bis 2050 bewegen sie sich deutlich von Osten nach Westen. Konkret sind es Prozentsätze von bis zu 42,7 Prozent (Moldawien mit einer Geburtenrate von 1,6), um die die Bevölkerung in den östlichen Ländern den Prognosen zufolge schrumpfen wird. Auch Litauen (minus 35,6 Prozent), Bulgarien (minus 24,8 Prozent) sowie Kroatien (minus 21,6 Prozent) werden stark an Einwohnern verlieren. Massiv wachsen werden indes Länder wie Norwegen (plus 53,6 Prozent), Schweden (plus 40,4 Prozent) und die Schweiz (plus 38,5 Prozent). Österreichs Bevölkerung nimmt um 22 Prozent zu.

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Städte als Motor für Ökonomie

Es sind Länder im Westen und Norden Europas, in denen die Geburtenrate nicht unbedingt viel höher ist - in Norwegen etwa lag sie 2016 bei rund 1,7 Kindern pro Frau, in Österreich bei 1,5 -, die aber vor allem wegen der Migration wachsen. Lässt man nämlich bei den Prognosen die Migration unbeachtet und nimmt an, es gäbe diese nicht, würde die Bevölkerungszunahme zum Teil um einiges geringer ausfallen. Um beim Beispiel Norwegen zu bleiben, läge diese ohne Migration bei nur 10 Prozent. Österreichs Bevölkerung würde sich sogar um 7,9 Prozent reduzieren. Die Türkei mit einer Geburtenrate von 2,1 wächst indes in beiden Fällen relativ konstant.

Szenarien ohne jegliche Migration sind jedoch mehr als unwahrscheinlich. Im Westen und Norden Europas sind es laut Thomas Sobotka von der ÖAW schon jetzt vor allem die größeren Städte, die zu Magneten der Immigration avancieren. Global betrachtet, lebe aktuell einer von fünf Migranten in den 20 größten Städten der Welt. "Diese werden dadurch zum Motor für Ökonomie und Bevölkerungswachstum - auch, wenn die Geburtenrate gering ist", sagt Sobotka.

Warum die Menschen den Osten verlassen, um in den Westen zu ziehen, liegt laut Isabella Buber-Ennser von der ÖAW vor allem in der Arbeitsmigration begründet. "Es sind generell eher fittere, gesunde Menschen, die in den Westen auswandern, weil es dort bessere Chancen am Arbeitsmarkt gibt und sie besser verdienen", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Flüchtlingsbewegungen seien also nur ein geringer Teil dieser Migration, die vielmehr auf der Einwanderung aus Ländern wie Rumänien, Polen oder Ungarn basiere. Bei der Migration nach Österreich spiele Deutschland die wichtigste Rolle, woher vor allem Studenten kämen, sagt Buber-Ennster. Dem Portal Statista zufolge liegt der gesamte Ausländeranteil an Österreichs Bevölkerung derzeit bei 15,8 Prozent.

Die Älteren bleiben zurück

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Wie es bis 2050 weitergeht, kann freilich niemand genau sagen. Sobotka etwa nimmt an, dass in einigen osteuropäischen Ländern die Intensität der Abwanderung in den nächsten drei Jahrzehnten wieder abnehmen wird, weil sich hier die Wirtschaft schon jetzt gut entwickelt hat. Estland oder Polen etwa sind laut Sobotka zukunftsträchtig.

Bei Ländern wie Moldawien, Albanien und der Ukraine geht allerdings auch Sobotka davon aus, dass die Jungen zunehmend wegziehen -und die Älteren, die aufgrund der steigenden Lebenserwartung immer älter werden, zurückbleiben.

Wer kümmert sich um diese Menschen? Wer pflegt sie und zahlt ihre Pensionen? "Sie werden vor allem auf Überweisungen von weggezogenen Verwandten angewiesen sein", sagt Sobotka. Schon jetzt überweist ein großer Teil der gut verdienenden Emigranten vom Westen Geld nach Hause und trägt so zur lokalen Wirtschaft bei. Einige kommen nach Jahren auch wieder zurück, um ihr Geld in der ursprünglichen Heimat zu investieren und sich um ihre Verwandten zu kümmern. Und: "Es ist auch möglich", so Sobotka, "dass der Pflegebedarf eine neue Migrationswelle von Pflege- und Gesundheitspersonal aus noch ärmeren Ländern nach Osteuropa auslösen wird."