Es gibt Menschen, die lesen einfach nur Zeitung. Josef Hader ist da anders. Er kostet beispielweise eine "Wiener Zeitung" so richtig aus: Buchstäblich bis zum letzten Flackern ihres Papierlebens, wenn sie bei ihm ihre publizistische Seele als Flamme im offenen Kamin aushaucht. Der Künstler hat sich für uns Gedanken gemacht, worauf es im Leben (mit) einer Zeitung denn so ankommt.

Mit großer Sicherheit ist auszuschließen, dass auch künftig Tabletts oder Smartphones von Hader geforderte Servicefunktionen von Zeitungspapier bieten. Zeitung ist für ihn ein guter Nutzgegenstand in fast allen Lebenslagen. Nein, nicht an jedem Ort – dieses einstige Schicksal in Form handlich zugeschnittener Blätter widerfährt Zeitungspapier im zivilisierten Mitteleuropa kaum noch! Da weiß Hader schon Zielführenderes. Beispiel gefällig? Da wäre einmal der Josef Hader beim Salatkauf: "Es gibt nix, in dem der Salat so lang hält, wie im Zeitungspapier." Mit treuherzigem Augenaufschlag fügt er noch hinzu: "In einer ,Wiener Zeitung’ hält so ein Häupel um einen halben Tag länger. Ich hab’s ausprobiert. Niemand kann da mit Eurem Großformat mithalten."

"Es gibt nix, in dem der Salat so lang hält". - © Robert Newald
"Es gibt nix, in dem der Salat so lang hält". - © Robert Newald

Na, gut! Das wollen wir dem Hader einmal abnehmen. Denn der würde uns zum 310. Geburtstag wohl sicher nicht anschwindeln! Schließlich verbindet uns ja auch eine gemeinsame Geschichte: Seine "erste Wahrnehmung" der "Wiener Zeitung" hatte Hader als Schüler. Damals hörte er begeistert im Radio Klassiksendungen und fand dazu als Zeitungsleser rasch Qualitätsunterschiede: "Die ,Wiener Zeitung’ hatte als einzige immer das volle Programm mit allen Musikstücken abgedruckt." Der nächste Kontakt erfolgte bereits ganz in eigener Sache. Susanne Rössler erkannte Anfang der 80er-Jahre das damals noch unbekannte Nachwuchstalent und widmete dem Kabarettisten eine entsprechende Kritik in der "Wiener Zeitung". Hader über damalige Künstlerentdeckungen: "Früher bemerkten einen zuerst ‚Volksstimme’, ,Wiener Zeitung’ und ,AZ’. Wenn einmal ,Kurier’, und ,Die Presse’ folgten, warst Du schon etabliert."

"Nur eine g'scheite Zeitung" eignet sich zum Einwickeln. - © Robert Newald
"Nur eine g'scheite Zeitung" eignet sich zum Einwickeln. - © Robert Newald

Das ist der große Kleinkünstler inzwischen längst. Alle einschlägigen Preise im deutschsprachigen Sprachraum hat er eingeheimst. Vom "Salzburger Stier" über den "Nestroy-Ring", sowie mehrfach den deutschen und den österreichischen Kleinkunstpreis. Jährlich füllt das Publikum seiner Auftritte in Veranstaltungskellern und Sälen die Größe eines ganzen Fußball-Stadions. Den Auftrittslokalen der Anfangszeit, der kleinen Form und frühen Förderern blieb Hader immer treu und verbunden. Das zeichnet ihn bis heute aus. Die Nähe zur Seitenblicke-Gesellschaft wie auch zu politischen Parteien und gut zahlenden Vorfeldfestivals schlug er konsequent aus. Heute kann er sich das sogar leisten.

Fenster putzen ... - © Robert Newald
Fenster putzen ... - © Robert Newald

Mit seinen Kinoerfolgen hat Hader gleichzeitig österreichische Film-Maßstäbe verrückt, als Schauspieler wie auch als Drehbuchautor. Bisherige Höhepunkte: "Indien" mit Alfred Dorfer oder die zur Kult-Serie gewordenen Wolf-Haas-Verfilmungen in denen Hader den heruntergekommenen Ex-Kommissar Brenner mimt. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den nächsten Kino-Film:  "Das ewige Leben", wieder basierend auf Wolf Haas. 2014 oder 2015 soll die Geschichte auf den heimischen Kinoleinwänden zu sehen sein.

... Packerl machen ... - © Robert Newald
... Packerl machen ... - © Robert Newald

Drehbücher schreiben ist derzeit auch Haders liebste künstlerische Beschäftigung. Früher wollte er einmal Journalist werden.  Der aus dem südlichsten Zipfel des Waldviertels (Nöchling) stammende Bergbauernsohn hatte nach seiner Schulzeit bei den Benediktinern in Melk bereits bei der Kirchenagentur "Kathpress" als Praktikant angeheuert. Mitte der 80er-Jahre verdingte er sich als Nachrichtensprecher und Redakteur beim deutschsprachigen Urlaubersender "Radio Adria" in Norditalien. Legendär wurden in einer eingeschworenen Fangemeinde seine deutschen Radiobegleitungen zu italienischen Fernsehbildern der Formel-1-Übertragungen. Auf den Campingplätzen der Hausmeisterstrände zwischen Jesolo, Lignano und Grado wurde er so schon damals zum kleinen Star. Doch Hader zog es schließlich ganz auf die Bretter, welche die Kabarettwelt bedeuten.

... Schuhe ausstopfen ... - © Robert Newald
... Schuhe ausstopfen ... - © Robert Newald

Mit Journalismus verbindet ihn heute noch das Zeitungslesen: Wenn Hader nicht gerade auf Tournee ist und Zeit hat, sitzt er in einem seiner drei Stammkaffees in Wien. Dort liest nach eigenen Angaben "Feuilleton, Sport und Innenpolitik – und das genau in dieser Reihenfolge und nicht anders". Im Sport interessiert den passionierten Austria-Fan bevorzugt der Fußball und ein wenig noch immer die Formel 1.

Angesichts der heimischen Politik ist er froh, nicht Journalist geworden zu sein: "Als Innenpolitiker müsste ich dermaßen leiden, weil sich alles wiederholt. Da würde ich dem Alkohol verfallen oder den Beruf wechseln müssen. Aber ich bin Gott sei Dank kein politischer, sondern ein gesellschaftskritischer Kabarettist. Sonst müsste ich auch noch professionell alle Zeitungen lesen." Das macht Hader denn doch lieber aus Leidenschaft. Lange Abwesenheiten durch Tourneen und Dreharbeiten hindern ihn "an einem ständigen Abo." Die "Wiener Zeitung" nimmt er sich dennoch immer wieder gern mit nach Haus.

Die großen Blätter der "Wiener Zeitung" sind bestgeeignet für ungewöhnliche Verpackungen. - © Robert Newald
Die großen Blätter der "Wiener Zeitung" sind bestgeeignet für ungewöhnliche Verpackungen. - © Robert Newald

Für die "Wiener Zeitung" brachte er seine ganze künstlerische Kreativität ein, um seine Welt ohne Zeitungspapier anschaulich zu machen. Dazu gehört das sachgerechte Aufstellen und Ausstopfen nass gewordener Schuhe: "Da hilft kein Hochglanzmagazin sondern das geht nur mit eurem Papier, weil das ordentlich saugt." Doch die "Wiener Zeitung" eignet sich auch exzellent für Fenster putzen und Einpacken verschiedenster Dinge: Ob Lieblings-Marmelade oder Lieblings-Gläser. Ein "g‘scheite Zeitung" sollte sich im Übersiedlungsfall zum Einrollen und Einwickeln eignen.

Geht es nach Haders Vorstellungen einer papierzeitungslosen Welt müßte auch die Literatur in allen häuslichen Bücherschränken erheblich leiden. Denn so manchem wertvollen Buch sollte ein sorgsam gefalteter Umschlag aus der "Wiener Zeitung" zur Zierde gereichen. Er selbst versteht es gekonnt rasch solche Büchereinbände zu fabrizieren. Vermuten sie also bei Haders zarten Künstler-Händen keinesfalls die in Wien sprichwörtlichen "zwa Linken". Sie würden rasch eines Besseren belehrt. Auch Geschenkpakete aus seiner Hand zählen zum Feinsten. Wer solch Ausgesuchtes erhält, darf sich auf kunstvolle Verpackungen gefertigt aus dem "Amtsblatt der Wiener Zeitung" gefasst machen. Hader selbst wickelt seine Geschenke immer nur in Zeitungspapier. Seine lapidare Begründung: "Dahinter stecken ökologische Überlegungen und persönliche Faulheit".

Die große Pose birgt Lebenshilfe: So kann man sich bei Platzregen vorübergehend vor nassen Kopf schützen. - © Robert Newald
Die große Pose birgt Lebenshilfe: So kann man sich bei Platzregen vorübergehend vor nassen Kopf schützen. - © Robert Newald

Für alle Autofahrer hat der Waldviertler Bauernbub mit dem praktischen Sinn einen wichtige Lebenshilfe auf Zeitungsbasis anzubieten: Mit wenigen Handgriffen vermag er einen notdürftigen Papierhut zu falten, der vor so manchem Platzregen schützt. Hader schelmisch: "Und ein Stück Zeitung hat man doch immer im Auto."

... Die "Wiener Zeitung" erfüllt für Hader auch noch zu guter Letzt eine flammende Funktion. - © Robert Newald
... Die "Wiener Zeitung" erfüllt für Hader auch noch zu guter Letzt eine flammende Funktion. - © Robert Newald

Nackter Entzug hat Hader schließlich zum zur letzten Überlegung inspiriert, Qualitätsverluste in einer zeitungspapierlosen Welt augenscheinlich zu machen: "Seit ich zum Rauchen aufgehört hab’, muss ich immer alles gedankenlos falten." Und so entstehen rund um ihn ständig Flugzeuge und Schifferln. - Solange es nur beim Falten von Zeitungspapier bliebe, wäre es ja nicht so schlimm. Doch unlängst hat Hader "nicht aufgepasst und sogar meine Staatsbürgerschaft zu einem Schifferl gefaltet." Seither nimmt er sicherheitshalber alles Zusammengefaltete wieder auseinander, statt es mit spielenden Kindern in Lavoirs, Badewannen oder Swimming-Pools zu versenken. Die halten meist besser als Haders Fluggeräte in Leichtbauweise. Denn die wenigsten davon überstanden den Jungfernflug ohne schweren Schäden.

Die so entstandenen Papierberge aus mehreren Kilo ultimativ strapazierter "Wiener Zeitung" fanden schließlich eine thermische Auflösung – im Kamin. Das steigert zumindest in Verbindung mit festeren Brennstoffen die häusliche Behaglichkeit. Deshalb will Josef Hader auch in Zukunft ungern auf seine "Wiener Zeitung"-Exemplare verzichten. Den Vorstellungen einer papierlosen Zeitung hat er mit seinen Falt- und Einwickel-Demonstrationen vorerst Grenzen gesetzt. Demnach ist sein Geburtstagswunsch an die Redaktion zum 310. Geburtstag auch von einer guten Portion Trotz und österreichischem Widerstandgeist getragen: "Weiter so!" formuliert er als Auftrag für die nächsten Jahrhunderte.

Auf das E-Paper will er bestimmt  nicht alles setzen. Das scheint irgendwie nachvollziehbar. Oder können Sie sich vielleicht vorstellen, dass Sie demnächst mit dem iPad ein gemütliches Kaminfeuer entfachen, Ihre Fenster putzen, Schuhe ausstopfen oder gar ein wunderschönes, knackiges Häuptel Salat einwickeln?  Wenn das einmal geschehen sollte, wird wohl Haders geistiger Verwandter Johann Nestroy endgültig recht behalten: Dann steht gewiss "die Welt auf kan Fall mehr lang".

Prof. Paul Vécsei Bakk. phil. ist Leitender Redakteur der "Wiener Zeitung" und für Sonderprojekte des Hauses zuständig.