• vom 17.08.2015, 07:24 Uhr

Alpbach

Update: 28.08.2015, 15:31 Uhr

Vermögen

Die Parade der Habenichtse




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Von Thomas Seifert

  • Das Europäische Forum Alpbach widmet sich im 70. Jahr den Ursachen der sozialen Ungleichheit. Wann wird sie zum Problem, wie kann man gegensteuern?

Der niederländische Ökonom Jan Pen publizierte 1971 ein Buch mit dem Titel "Economic Inequality". Zur Veranschaulichung sozialer Ungleichheit griff er zu folgendem anschaulichen Bild, das von Ökonomen "Pens Parade" genannt wird: Eine Stunde lang sollten die Einkommensbezieher eines Landes an den Zuschauern in einer Parade der sozialen Ungleichheit vorbeimarschieren, wobei die Körpergröße genau ihrem Einkommen entsprechen sollte.

Angenommen, die österreichische Parade zieht über die Wiener Ringstraße und die Körpergröße aller Beteiligten wäre proportional zu ihrem Einkommen (präziser: Die Größe des Haushaltsvorstands wäre proportional zum Haushaltseinkommen): Die Zuschauerinnen und Zuschauer wären genau 1,72 Meter groß – was exakt der Größe eines durchschnittlichen Österreichers (Durchschnittseinkommen: 43.891 Euro) entspricht.


Zu Beginn der Parade marschieren Winzlinge in Käfergröße auf, sie repräsentieren Menschen ohne reguläres Einkommen, die sich von Tag zu Tag durchschlagen müssen. Nach fünf Minuten sind die Zwerge mit ihren rund 10.000 Euro Jahreseinkommen gerade einmal kniehoch. Eine endlos anmutende Prozession der Einkommensliliputaner zieht vorbei, Arbeiter mit geringeren Qualifikationen, Büro-Boten und Portiere, Menschen, die in Fastfood-Restaurants oder Handelsketten arbeiten.
Wären die Österreicher so groß wie ihr Einkommen, dies wäre ihre Parade: Links die winzigen Habenichtse, die nur wenige Tausend Euro im Jahr verdienen. Am Ende die riesigen Großverdiener, die jedes Jahr Millionen in ihre Taschen stecken.
Wären die Österreicher so groß wie ihr Einkommen, dies wäre ihre Parade: Links die winzigen Habenichtse, die nur wenige Tausend Euro im Jahr verdienen. Am Ende die riesigen Großverdiener, die jedes Jahr Millionen in ihre Taschen stecken.

Zur Halbzeit der Parade, nach 30 Minuten, sind die Vorbeimarschierenden mit ihren 32.593 Euro Jahreseinkommen immer noch erst kindsgross mit ihren 1,28 Metern Größe. Es dauert dann noch weitere zehn Minuten, bis die durchschnittlich großen Zuschauer auf Augenhöhe mit den Vorbeimarschierenden sind. Der Pulk besteht aus Kleingewerbetreibenden, Händlern, gut ausgebildeten Industrie- oder Büroarbeitskräften. Die Kohorte der Durschnittsverdiener marschiert gerade vobei.

Von nun an geht alles ganz schnell: Nach 45 Minuten Parade marschieren die Vorbeiziehenden schon in Zwei-Meter-Basketballergröße vorbei (52.980 Euro Jahreseinkommen), bei Minute 54 kommen Drei-Meter-Riegel, bei Minute 57 Vier-Meter-Riesen, eine Minute später Fünf-Meter-Giganten (124.539 Euro Jahreseinkommen). In den letzten Sekunden schießen die Hochwüchsigen förmlich in den Himmel: Mit 369.776 Euro Jahreseinkommen sind die Marschierer des letzten Perzentils – so nennen die Ökonomen die Prozent-ränge, in die sie die Einkommensklassen einteilen – 14,5 Meter groß.

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Dokument erstellt am 2015-08-11 11:28:16
Letzte Änderung am 2015-08-28 15:31:50



Die "Wiener Zeitung" in Alpbach

Reportagen, Interviews und Analysen zum Europäischen Forum Alpbach, wo die "Wiener Zeitung" als Medienpartner vertreten ist. Der Diskurs im Alpendorf steht heuer im Zeichen von "Diversität und Resilienz".


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