• vom 27.08.2016, 20:43 Uhr

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Forum Alpbach

Die verlorene Verantwortung der Generation Excellence




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Von Cathren Landsgesell

  • Von der Forschungsförderung verordnet, hat sich praktisch das gesamte globale Wissenschaftssystem der Exzellenz verschrieben. Bleibt für verantwortliches Handeln schlicht kein Platz und keine Zeit mehr?

Das Verdikt von Britta Ohm fällt vernichtend aus: "Was sich eröffnet, ist ein System, das unter dem Exzellenz-Label sein herangezogenes Potenzial im großen Stil verschleudert und das volkswirtschaftlich Harakiri betreibt, indem es sich praktisch weigert, seinen Bildungsauftrag zu erfüllen", schreibt die deutsche Anthropologin in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" über die Exzellenzinitiative in Deutschland. Diese Initiative soll neu aufgelegt werden. Sie ist umstritten. Zahlreiche deutsche Akademiker und Akademikerinnen haben inzwischen eine Petition dagegen unterschrieben, weil sie in ihren Augen die Misere der deutschen Hochschulen nur noch verstärkt. Wenn das so ist, wie steht es dann um die Chancen von "Verantwortung" in diesem auf "Exzellenz" ausgerichteten System?

Das Wort "Verantwortung" kommt bei den zahlreichen Exzellenzinitiativen, die es weltweit gibt, nicht vor. Verantwortlichkeit ist kein Kriterium für exzellente Forschung. "Alle Indikatoren für Exzellenz sind auf das (wissenschaftliche – Anm.) Reputationssystem ausgerichtet. ‚Exzellente Forschung‘ bemisst sich vor allem an der Anzahl der Artikel in den internationalen Journals, denn dort zu veröffentlichen, ist mit höchster Reputation verbunden", sagt Dagmar Simon. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung leitet Simon die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik. Gemeinsam mit Sabine Maasen, Professorin für Wissenschaftssoziologie an der Technischen Universität München hält sie beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach das Seminar "Wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliche Verantwortung – Wie passt das zusammen?". Für Simon ist Verantwortung mehr als eine Worthülse und sollte eigentlich selbstverständlicher Teil von Exzellenz sein. "In der Forschung kann es bedeuten, sich auf gesellschaftliche Problemlagen zu beziehen. Das wäre für mich auch ein brauchbares Merkmal von Exzellenz", sagt sie.

"Das große Problem ist, dass Verantwortung und Exzellenz meist voneinander getrennt diskutiert werden", sagt Sabine Maasen. Sie will das ändern. "Wir haben die ganzen Exzellenzdebatten und immer neue Förderprogramme. Auf der anderen Seite seit Neuestem auch Social Responsibility – aber ganz isoliert für sich. Ich würde gern einen Stein ins Rollen bringen, dass die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung, nach dem ‚Social Impact‘, tatsächlich die selbstverständliche Begleitmusik jeglicher Forschung und Forschungsförderung ist. Dass man das Exzellente nur um den Preis der Verantwortung bekommt, darf nicht wahr sein."

Die Tatsache, dass Maasen auch die Direktorin des erst vor zwei Jahren geschaffenen Munich Center for Technology in Society (MCTS) ist, kann als Indikator dafür gelten, dass die Forschungscommunity – die Wissenschaften, die Universitäten, aber auch die Forschungsförderung – sich ernsthaft öffnen will für gesellschaftliche Anliegen. Und Kritik? Was jetzt passiert und aus Sicht von Sabine Maasen dringend notwendig ist, soll mehr sein als die Technikfolgenabschätzung der 1980er Jahre und mehr als die Herstellung von Akzeptanz. Das MCTS bietet neben Promotionsstudiengängen auch Ausbildungen für Studierende aller Wissenschaftsbereiche, u. a. verschiedene Zusatzausbildungen und Schulungen an. Sie sollen die Studierenden dazu befähigen, über ihr wissenschaftliches Tun und die Rolle von Technik und Forschung in der Gesellschaft zu reflektieren.

Zeit
Im Seminar beim Europäischen Forum Alpbach sitzt der Teil der "Generation Excellence" (Maasen), der mutmaßlich bereits für die Relevanz von Verantwortung sensibilisiert ist. Sonst wären die meisten wohl nicht dort. Es sind junge Studierende, aber auch Postdocs aus unterschiedlichen Feldern. Viele kommen aus der Medizin und den Naturwissenschaften. Die Debatten sind lebendig und geben einen Eindruck davon, dass es tatsächlich wohl nicht ganz einfach ist, Exzellenz und Verantwortung unter einen Hut zu bringen. Zumindest nicht unter den gegenwärtigen Bedingungen in den Universitäten und im Forschungsalltag. Sabine Maasen: "Die Postdocs von heute, die wirklich unglaublich gut ausgebildet sind, stecken im Hamsterrad der Exzellenzerzeugung: Publikationen, Preise, Patente – you name it. Es ist ein strukturelles Problem: Wer mitspielt, der hat praktisch keine Zeit, bereits die Doktorierenden haben keine Zeit."

Bleibt damit in Wahrheit schlicht kein Platz und keine Zeit mehr, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen? Sich gar über die eigene Forschungspraxis befragen zu lassen? In den Biowissenschaften zumindest eher nicht. Wie die Wissenschaftsforscherin Ruth Müller, eine Forschungskollegin von Sabine Maasen am MCTS, herausgefunden hat, verfolgen Postdocs der Biowissenschaften eher standardisierte Karrierewege, die innerhalb möglichst kurzer Zeit zu absolvieren sind: "Taking breaks along this path, (…) is perceived as a practically impossible deviation that would significantly diminish academic career chances." Mit anderen Worten: Die Beschäftigung mit etwas, das nicht unmittelbar der Karriere dient, gilt de facto als unnötiger Zeitfresser.

Interessanterweise entspricht auch die jeweilige Verweildauer in einem Karriereabschnitt jeweils der üblichen Dauer einer Forschungsförderung, beispielsweise für eine Promotion. So wirkt die Forschungsförderung als zusätzlicher Verstärker des Zeitdrucks. Das bedeutet, dass WissenschaftlerInnen in sehr kompetitiven Feldern wie den Biowissenschaften kaum prägende Erfahrungen außerhalb ihres Feldes machen können. Dafür ist ebenso wenig Zeit wie für die Reflexion des eigenen Tuns oder gar intensive Forschungsphasen.

Geld
Was hat die Wissenschaft derartig beschleunigt? Da ist zum einen die Orientierung am Exzellenzkriterium "Einwerbung von
Drittmitteln", die realiter die für Forschung oder für Reflexion theoretisch zur Verfügung stehende Zeit verknappt. Stellen, die mit Drittmitteln – die der/die ForscherIn zuvor meist selbst eingeworben hat – finanziert sind, laufen meist nur zwei, höchstens drei Jahre. Wer eine solche Stelle ergattert hat, kann bereits beginnen, die nächsten Anträge zu stellen. "Förderlich für die Forschung ist das nicht und gerade für nicht mehr ganz junge WissenschaftlerInnen prekär", sagt Dagmar Simon. In Deutschland wurde vor allem der akademische Mittelbau auf diese Weise prekarisiert. Doch auch in den USA und in Großbritannien ist die Situation ähnlich. Erst im Mai streikte die "University and College Union" in Großbritannien für mehr Geld für die unterbezahlten Lektoren. Zugleich hat aber gerade die Orientierung an Exzellenz auch sehr viel zur Interdisziplinarität der Forschung beigetragen. Die Forschungscluster laufen über einen Zeitraum von sechs Rahmen und bieten den sicheren Rahmen, den Forschung nun einmal braucht. Dagmar Simon sieht daher wie auch Sabine Maasen keinen Grund für eine absolute Ablehnung jeweglicher Exzellenzansätze: "Gerade die Exzellenzcluster sind positive Beispiele, dass Exzellenz und Verantwortung kein Widerspruch sein müssen", so Dagmar Simon.

Messbarkeit
Die Verknappung von Stellen, die Fixierung auf einige wenige Positionen und der starke Wettbewerb sind weitere Beschleunigungsfaktoren. In der Untersuchung von Müller beschreiben die jungen BiowissenschaftlerInnen zum Beispiel die Postdoc-Zeit als die Phase, in der sich die gesamte folgende Karriere entscheiden kann. Alles, was bis dahin in die Karriere investiert wurde, steht auf dem Spiel. Ein Berufsleben außerhalb der Wissenschaft können sich die meisten zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr vorstellen. Der Wettbewerb kulminiert schließlich wieder in einer messbaren Größe: Wer eine Arbeitsgruppe leiten will, muss möglichst schnell möglichst viel in möglichst einflussreichen Journals publizieren. "If you don’t have papers over a year, then you are toast", so ein Biowissenschaftler in der Studie von Müller.

Ob die Karriere zu Toast wird oder nicht, ob die eigene Forschung "exzellent" ist oder nicht, ja ob ein Forschungsantrag bewilligt wird oder nicht, entscheiden – in den Geistes- und Sozialwissenschaften mittlerweile genauso wie in den Biowissenschaften – sogenannte Impact Factors. Wie diese berechnet werden, kann von Disziplin zu Disziplin variieren. Eine gebräuchliche Berechnung dividiert die Anzahl der Zitationen eines Jahres auf Artikel eines bestimmten Zeitraums durch die Anzahl der zitierbaren Artikel. Der dabei errechnete Faktor soll zeigen, wie relevant ein Artikel, eine Forschungseinrichtung oder ein/e ForscherIn zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Der Impact Factor ist nicht die einzige quantitative Messmethode. Tatsächlich haben metrische Methoden die qualitative Bewertung von Forschung weitgehend ersetzt. Bis hin dazu, dass das "was nicht gemessen werden kann, nicht mehr zählt", so Dagmar Simon im Seminar.

Publikationen
Der Druck zu publizieren, und vor allem in den richtigen Journalen zu publizieren, kann dazu verleiten, Forschungsergebnisse zu manipulieren. Oder sich gar nicht erst mit einer Studie abzugeben und sie gleich ganz zu erfinden. So wie zum Beispiel Lawrence Sanna. Im Seminar kommt ein Teilnehmer auch gleich auf den US-Psychologen zu sprechen. Der hatte unter anderem eine Studie gefälscht, wonach Menschen sich sozialer verhalten, wenn sie etwas erhöht stehen, zum Beispiel auf einer Rolltreppe. Das "Journal of Experimental Psychology" hatte die Studie veröffentlicht.

Seitdem sie als komplette Fälschung entlarvt wurde, haben vor allem Psychologie-Journale versucht, eine Qualitätssicherung in Form der "Preregistered Studies" einzuziehen. Wer einen Artikel publizieren will, muss das komplette Studiendesign bis hin zu den anvisierten Ergebnissen darlegen – noch bevor die Studie durchgeführt wurde. "Wir sollten darüber sprechen, ob wir das alles brauchen", erklärt einer der Seminarteilnehmer. Woraufhin einige lachen müssen. Es ist klar, dass die meisten hier sich nicht in der Position wähnen, irgendwas "nicht brauchen" zu können oder zu wollen. "Alle leiden unter dem System und müssen sich trotzdem fügen. Es klafft eine große Lücke zwischen dem, was man weiß und was man als Einzelner tun kann. Es ist eine schizophrene Situation", heißt es in der Gruppendiskussion.

Medien
"Die Medien interessieren sich nur für sensationelle Forschungsergebnisse", sagt eine Teilnehmerin im Seminar. "Man kann sie nur schwer für die Bedingungen interessieren, unter denen die Forschung entsteht." Sie hat vermutlich recht. Dass Medien dies oft nicht oder nicht mehr so oft tun, hat wohl auch damit zu tun, dass die Bedingungen, unter denen Medien entstehen, zunehmend jenen in der Wissenschaft ähneln: Unter Zeit- und Impactdruck müssen Ergebnisse geliefert werden. Zwar hat sich seit etwa Mitte der 1990er Jahre auch im deutschsprachigen Raum ein professioneller Wissenschaftsjournalismus etablieren können, allerdings steht auch da eine wachsende Schar gut ausgebildeter und potenziell interessierter Journalisten und Journalistinnen eine schrumpfende Zahl von Publikationsmöglichkeiten und sicheren Jobs gegenüber.

Magazine wie "Science" oder "Nature" fungieren unter den Realbedingungen als Indikatoren für relevante Wissenschaftsnews und treffen damit de facto eine Vorauswahl dessen, was letztlich in Zeitungen steht und im Fernsehen berichtet wird. Wenn berichtet wird. WissenschaftlerInnen kämen nur noch als "ExpertInnen in Talkshows mit kurzen Soundbites" vor, kritisiert Britta Ohm. "Damit dokumentiert sich nicht nur ein Entzug der Möglichkeit, größere Zusammenhänge kritisch aufzuzeigen, sondern auch eine bemerkenswerte Entfremdung der Universität von der Gesellschaft", schreibt sie.

Gibt es einen Ausweg? Sabine Maasen ist trotz allem optimistisch. Zwar bleibe "in einer so auf Exzellenz getrimmten Wissenschaft Responsibility ein ‚nice to have‘", wenn sie nicht institutionalisiert ist, aber die ersten zarten Ansätze eben dieser Institutionalisierung von Verantwortung seien ja da: "EU-Programme wie Responsible Research and Innovation adressieren ja zum ersten Mal Aspekte von Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit usw. im Innovationsprozess. Es ist schon viel gewonnen, wenn sich ForscherInnen überhaupt fragen müssen, was denn der ‚Social Impact‘ ihrer Forschung sein könnte."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-08-27 17:44:18
Letzte Änderung am 2016-08-27 17:50:02




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Reportagen, Interviews und Analysen zum Europäischen Forum Alpbach, wo die "Wiener Zeitung" als Medienpartner vertreten ist. Der Diskurs im Alpendorf steht heuer im Zeichen von "Diversität und Resilienz".


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