• vom 29.08.2016, 17:06 Uhr

Alpbach

Update: 29.08.2016, 19:27 Uhr

Netzwerkforschung

Auf verwinkelten Pfaden




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Von Eva Stanzl

  • Netzwerkforscher berechnen Wahrscheinlichkeiten, dass ein Sachverhalt eintritt, in fast allen Bereichen.

Landkarte des Internets, dargestellt als Netzwerk der Router-Verbindungen in der US-Stadt Boston. - © Albert-Laszlo Barabasi

Landkarte des Internets, dargestellt als Netzwerk der Router-Verbindungen in der US-Stadt Boston. © Albert-Laszlo Barabasi

Alpbach. Der Tag könnte perfekt sein. Würde der Bankomat mitspielen. Der aber lässt unverwandt wissen: "Limit überschritten. Derzeit keine Behebung möglich." Also kein Eintritt ins Seebad, trotz strahlenden Sonnenscheins. Sondern umdrehen und wieder nach Hause fahren, elende Spaßbremse, dass einem in diesem Alter noch so etwas passiert. Aber es sind ja auch andere Dinge nicht ideal. Zumindest sind viele Träume der Jugend nicht wahr geworden. Große Familie mit der Liebe des Lebens, tolles Haus, sonniger Garten, immer sportlich und fit sein, Ruhm und Ehre und das alles bitteschön gleichzeitig - wurde es nicht. Stattdessen ein Wurschteln durchs Leben manchmal - natürlich nicht immer. Denn es gibt ja jede Menge andere, interessante und schöne aber eben andere Dinge - und, sagt der Bankomat wie ein Mahnmal, jede Menge "Herausforderungen".

Wie kommt es dazu, dass das eigene Leben so ist, wie es ist? Diese Frage stellt sich wohl jeder Mensch mehr als einmal. Scheinbar nebensächliche Entscheidungen können es jahrelang prägen und die Konsequenzen ihm Wendungen geben, die nie angedacht waren. Komplexitätsforscher haben nun eine neue Theorie für das Drehbuch des Lebens. Ihnen zufolge werden sie in den unsichtbaren Netzwerken geschrieben, die wir mit unseren Handlungen und Entscheidungen spinnen. Mit statistischer Mathematik berechnen die Wissenschafter, wie wahrscheinlich es ist, dass auf der Basis bestimmter Umstände ein Sachverhalt eintreten wird.

Sonderfall Leben

"Im Leben entscheidet man sich laufend zwischen zwei oder mehreren Pfaden. Ein Garten voller Pfade ist ein Netzwerk, in dem man seine Ziele anpeilt. Viele Ziele sind aber auf geradem Weg gar nicht zu erreichen. Man versucht daher, in die gewünschte Richtung zu diffundieren, indem man Schritte setzt, von denen man annimmt, dass sie einen in die Nähe des Ziels führen werden", sagt der Wiener Komplexitätsforscher Stefan Thurner. "Sample Space Reducing Processes" heißt die statistische Mathematik, die diese Prozesse in Zahlen beschreibt.

Sprachlich ausgedrückt lässt demnach jeder Schritt erkennen, ob er zum Ziel gehört, oder er macht das Ziel deutlicher. Parallel dazu ändert sich mit jeder Richtung, die man nimmt, das Netzwerk des Lebens. Wer etwas gelernt hat, dem tun sich Wege auf. Eine Krankheit auf der anderen Seite kann Wege schließen. Auch kann ein Ziel verschwinden - etwa für einen Regisseur, dessen Theater zusperrt.

"Es gibt viele Möglichkeiten, ein Netzwerk zu bilden und darin unterwegs zu sein, ganz ähnlich wie man in der Früh auf verschiedenen Wegen zur Arbeit kommen kann. Das Leben ist allerdings ein Sonderfall, denn es ist ein einmaliger Spaziergang im Netzwerk. Man bekommt keine zweite Chance, dieselbe Entscheidung zu treffen. Am Schluss bleibt der Weg, den wir tatsächlich verfolgen", erklärte Albert-Laszlo Barabasi, Professor für Physik an der Northeastern University in Boston, im Interview mit der "Wiener Zeitung" am Rande der Technologiegespräche beim Forum Alpbach.

Netzwerke bestehen nicht nur im Leben, sondern auch zwischen Menschen, Computern, im Internet oder zwischen den Zellen im Körper. Ein Großteil unserer Existenz wird von Netzwerken bestimmt. Sie reichen von molekularen und genetischen Mechanismen, die die Gesundheit aufrechterhalten oder Krankheiten verursachen, über Freundschaften und Bekanntschaften bis hin zu beruflichen Verbindungen, auf denen Geschäfte beruhen. Konzerne wie Twitter oder Facebook haben soziale Netzwerke zum Geschäftsgegenstand erhoben und Energie kommt über Versorgungsnetzwerke in die Haushalte. Zu sagen, dass ohne Netzwerke nichts läuft, ist also nicht weit hergeholt.

Albert-Laszlo Barabasi gilt als einer der bekanntesten Netzwerkforscher. Er untersucht diese veränderlichen Gefüge einzeln und im Zusammenspiel. "Netzwerke teilen viele Eigenschaften. Verbünde von Zellen, Gesellschaften oder Technologien gehorchen nämlich nicht unterschiedlichen Mechanismen, sondern sie sind ähnlich aufgebaut", sagt er. Je akkurater sie berechnet werden, desto leichter sei es, sie zu kontrollieren und zu nützen.

Beispiel: Das soziale Netzwerk einer Person besteht aus Familie, Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern und Facebook-Kontakten. Alles, was darin passiert, beruht darauf, wie Mitglieder des Netzwerks miteinander umgehen und die Verbindungen nützen. "Ich kann ein passives Netzwerkmitglied sein oder ein aktives, ich kann bloß viele Leute kennen oder auch in der Lage sein, Vertrauen und starke Verbindungen aufzubauen", sagt Barabasi. Netzwerkforscher charakterisieren die dynamischen Prozesse und Aktivitäten, die die Netzwerk-Struktur in Gang setzt. Das Ergebnis kann auch Kontrolle sein, etwa wenn zu große Datenberge durchs Internet müssen und ein Absturz der Infrastruktur droht. Oder es kann eine Pille sein: Etwa wenn Netzwerkforscher berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Tumorzellen unter bestimmten Umständen metastasieren, und ein individuell maßgeschneidertes Krebsmedikament erzeugt wird.


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Dokument erstellt am 2016-08-29 17:11:11
Letzte Änderung am 2016-08-29 19:27:19



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Reportagen, Interviews und Analysen zum Europäischen Forum Alpbach, wo die "Wiener Zeitung" als Medienpartner vertreten ist. Der Diskurs im Alpendorf steht heuer im Zeichen von "Diversität und Resilienz".


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