• vom 28.08.2018, 11:11 Uhr

Alpbach


EU-Schlüsseltechnologien

"Europa muss Stärke zeigen"




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gregor Kucera

  • Infineon-Geschäftsführerin Sabine Herlitschka über Schlüsseltechnologien und die Rolle Europas in der digitalen Welt.

Sabine Herlitschka ist Chief Executive Officer bei Infineon Technologies Austria AG in Villach. - © Martin Steinthaler | tinefoto.co

Sabine Herlitschka ist Chief Executive Officer bei Infineon Technologies Austria AG in Villach. © Martin Steinthaler | tinefoto.co

Wiener Zeitung:Wie kann die technologische Vorreiterrolle Europas sichergestellt werden?

Sabine Herlitschka: Bei der Fußball-WM haben zuletzt nur europäische Länder um den Titel gespielt aber im globalen Match um die technologische Vorreiterrolle läuft Europa Gefahr, deutlich den Anschluss zu verlieren. Mit dem digitalen Wandel werden Forschung, Innovation und industrielle Produktion zu geopolitisch strategischen Faktoren.

China und die USA agieren hier mit Protektionismus und massiven Investitionen in Schlüsselkompetenzen, wie beispielsweise die Mikroelektronik, Künstliche Intelligenz oder die Biotechnologie. Europa muss angesichts dieser Dynamik mit einer strategisch ausgerichteten und finanziell bestens ausgestatteten Industrie- und Technologiepolitik Stärke zeigen. Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung in einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wettbewerb, und dieser wird über die strategische technologische Kompetenz entschieden. Mit der technologischen Wettbewerbsfähigkeit steht viel auf dem Spiel – es geht um nicht weniger als die Souveränität Europas und damit um unsere europäischen Werte wie Demokratie, Chancengleichheit und soziale Standards.

Welche Forschungsbereiche werden als Schlüsseltechnologien gesehen?

In Vorbereitung des kommenden 9. EU Forschungsrahmenprogramms "Horizon Europe" war ich Anfang des Jahres als Mitglied der "EU High Level Strategy Group on industrial technologies" persönlich daran beteiligt, die neue Generation von Schlüsseltechnologien (Key Enabling Technologies – KETs) zu definieren. 2009 wurden von der Europäische Kommission sechs KETs als strategisch zentral für die globalen Wachstumstrends und damit für Europa identifiziert: Nanotechnologie, Mikro- und Nanoelektronik, Photonik, Werkstoffe, Biotechnologie und Produktion. Diese technologiepolitische Fokussierung hat seither Wirkung gezeigt: 65% aller EU-Regionen und 15 Mitgliedsstaaten haben mittlerweile eine der sechs KETs "as a smart specialisation priority" definiert.

Als Expertengruppe haben wir nun vorgeschlagen, innerhalb von drei große Clustern – Produktions-, Digital- und Cybertechnologien – die bestehenden Schlüsseltechnologien Werkstoffe und Nanotechnologie, sowie Mikro- /Nanoelektronik / Photonik zusammenzuführen und den Schwerpunkt Biotechnologie zu Life-Science-Technologien auszuweiten. Dieser neuen Struktur haben wir zwei neue KETs hinzugefügt, die grundlegend für die aktuellen Entwicklungen sind: Digitale Sicherheit und Konnektivität sowie Künstliche Intelligenz.

Welche Kriterien waren für Definition dieser Schlüsseltechnologien ausschlaggebend?

Prioritär ist, dass diese Schlüsseltechnologien nachweislich starken Einfluss auf die Schaffung von neuem Wissen und von hochqualitativen Jobs haben. Mit ihnen ist es möglich, gesamte Wertschöpfungsketten von der Forschung über das Design bis hin zur Produktion strategisch in Europa zu bündeln und zu stärken. Und es handelt sich um Technologien, die nachhaltiges Wachstum unterstützen sowie Gesundheit, den Schutz und die Sicherheit von Menschen verbessern. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung ist eine sichere Vernetzung und Kommunikation zwischen Menschen und Systemen grundlegendend. Damit haben die KETs auch eine hohe Relevanz für gesellschaftliche Partizipationsprozesse und die Unterstützung von demokratischem Engagement.

Im Rahmen des Diskussionsprozesses haben wir die KETs auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft und 14 sogenannte "Missionen" für die Ausrichtung der zukünftigen EU Forschungs- und Innovationsfinanzierung vorgeschlagen. Dazu zählen beispielsweise die Trinkwassergewinnung aus Ozeanen, saubere und sichere Mobilitätslösungen aus der europäischen Fahrzeugindustrie, leistbare erneuerbare Energiequellen und die Nutzung der Digitalisierung als europäische Jobmaschine.

Was fehlt der europäischen Forschungsförderung/der Forschungspolitik, um etwa Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz beeinflussen zu können?

Gerade in diesem Bereich spielt die Halbleiterindustrie – als Mikro- und Nanoelektronik auch eine Schlüsseltechnologie – eine wesentliche Rolle. Mikrochips fungieren als Bindeglied zwischen realer und digitaler Welt und sind zentraler "enabler" für die Digitalisierung und Anwendungen der künstlichen Intelligenz. China investiert daher in den kommenden 10 Jahren allein 150 Milliarden US Dollar, um weltweit führende Kompetenzen in der Halbleiterindustrie aufzubauen. Zum Vergleich: Im neuen EU Finanzrahmen bis 2027 sind aktuell für Forschung 100 Milliarden Euro vorgeschlagen. Auch wenn das nicht direkt vergleichbar ist, da auch die einzelnen EU Mitgliedsländer wesentlich in Forschung investieren, zeigen diese Zahlen die Dimensionen in denen global agiert wird. Wir müssen daher in Europa gemeinsam substanziell in systemrelevante Schlüsseltechnologien wie beispielsweise Künstliche Intelligenz investieren, um mit China und den USA konkurrenzfähig zu sein.

Von den weltweit zwanzig größten Halbleiterherstellern kommen neun aus den USA und acht aus Asien. Mit der aktuell laufenden Übernahme der niederländische NXP durch die US-Firma Qualcomm verbleiben nur noch zwei europäische Halbleiterunternehmen in dieser Größenordnung: Infineon und der französisch-italienische Konzern ST Microelectronics. Dabei geht es nicht um einzelne Unternehmen sondern um die vorhandene strategische Kompetenz in Europa. Wenn wir darüber nicht mehr verfügen, steht unsere europäische Autonomie auf dem Spiel.

Welche Strategien muss Europa verfolgen, um in Schlüsseltechnologien wettbewerbsfähig zu bleiben bzw. zu werden?

Einerseits muss Europa gemeinsam deutlich stärker in strategisches Know-how und innovations-getriebene Wettbewerbsfähigkeit investieren. Darüber hinaus sind ergänzende Maßnahmen nötig, vor allem die Einrichtung einer europäischen Prüfungsinstanz, die die strategische Relevanz von Unternehmenskonsolidierungen/-akquisitionen für Europa bewertet, und freigeben oder ablehnen kann. Ergänzend braucht es Investitionen in große strategische Themenfelder, hierzu wurde das Instrument des sogenannten Important Project of Common European Interest (IPCEI) entwickelt. Einige Mitgliedsländer versuchen seit drei Jahren, ein entsprechendes Halbleiterprojekt in der EU zu etablieren, die Prozesse dafür müssen deutlich beschleunigt werden. Vor diesem Hintergrund ist auch das europäische Beihilfenrecht zu überarbeiten und weiter zu entwickeln.

Worin liegen die Stärkefelder der europäischen Nationen und wie können diese ausgebaut werden?

Europa hat jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklung und im Betrieb von komplexen Systemen. Das betrifft speziell Automatisierungslösungen, die profundes System-Know-how, umfassendes Software- und Hardwareverständnis sowie Methodenvielfalt in den unterschiedlichen Anwendungsbereichen erfordern. Diese langjährige Expertise gewährleistet Zuverlässigkeit, Robustheit und Produktionssicherheit in der industriellen Fertigung. In jüngster Zeit wurden weltweit führenden Lösungen für Daten- und Kommunikationssicherheit insbesondere für Industrie 4.0-Anwendungen am Weltmarkt etabliert. Doch ich sehe im Vergleich mit den USA einen Mangel an jungen Technologieunternehmen, die es bis an die Weltspitze schaffen. Die Digitalisierung ist da eine einmalige Chance für etablierte Unternehmen und Startups in Europa, um sich mit Kreativität und Know-how am Weltmarkt durchzusetzen.

Der zukünftige Erfolg und die Innovationsfähigkeit Europas hängen aber auch wesentlich von der guten Qualifikationen der Beschäftigten ab. Auch wenn die technische Basisausbildung in Europa vergleichsweise gut ist, so muss diese generell noch stärker auf die Erfordernisse der Digitalisierung ausgerichtet werden. Und leider gibt es immer noch immer noch zu wenige Absolventen in den sogenannten MINT-Fächern, was sich in einem massiven Mangel an technischen Fachkräften ausdrückt. Das Schlüsselkriterium für die aktive Gestaltung des digitalen Wandels ist eine zeitgemäße Aus- und Weiterbildung. Nicht nur, aber besonders im Bereich der Naturwissenschaften, der Technik und der Informatik, denn gerade diese Berufsfelder bieten in der Zukunft besonders spannende Karrieremöglichkeiten.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-30 13:12:03
Letzte Änderung am 2018-08-27 17:45:13



Die "Wiener Zeitung" in Alpbach

Reportagen, Interviews und Analysen zum Europäischen Forum Alpbach, wo die "Wiener Zeitung" als Medienpartner vertreten ist. Der Diskurs im Alpendorf steht heuer im Zeichen von "Diversität und Resilienz".


Werbung








Werbung