• vom 24.08.2018, 17:19 Uhr

Alpbach

Update: 24.08.2018, 17:34 Uhr

EFA 18

Digitale Intuition




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Von Eva Stanzl und Gregor Kucera

  • Wir müssen Entscheidungen treffen, in der digitalen Welt noch schneller und öfter als in der realen.

Staatsbürgerin von Saudi-Arabien: der Roboter Sophia - ein intelligentes Lebewesen? - © afp/Thomas Wiech

Staatsbürgerin von Saudi-Arabien: der Roboter Sophia - ein intelligentes Lebewesen? © afp/Thomas Wiech



Alpbach. 500.000 Twitter-Nachrichten, 50.000 Instagram-Fotos und zwei Millionen Snaps werden pro Minute rund um die Welt gepostet: Diese Zahlen nennt die Psychologin und Soziologin Mirta Galesic. Am Santa Fe Insititute für Komplexitätsforschung im US-Staat New Mexico analysiert sie die Auswirkungen der Digitalisierung auf Psyche und Verhalten. Am Freitag wurde dieses Thema bei den Alpbacher Technologiegesprächen unter dem Titel "Die Zukunft ist digital - wie human ist sie?" diskutiert. Denn die Technologie hält die Welt fest im Griff. Jedes Update bringt neue Funktionen, die wir erfassen, jede Handy-Generationen neue Möglichkeiten, die wir kennenlernen müssen. Jeder technische Fortschritt schafft neue Arbeitsabläufe und jede Medientechnologie verändert den Umgang mit Information.

Entscheidungen in der Sekunde
"In jedem Moment treffen wir eine Entscheidung. Wir müssen entscheiden, was wir anschauen, auswählen und verschicken, weil wir Angst haben, dass wir sonst nicht am Laufenden sind", sagt Galesic zur "Wiener Zeitung". "Wir müssen in der Sekunde wissen, ob wir Menschen vertrauen sollen, die wir noch nie gesehen haben. Das birgt ein Risiko. Gleichzeitig haben wir mehr Freunde und schließen schneller und leichter neue Freundschaften, können diese aber auch schneller wieder lösen."


In der analogen Vergangenheit schlossen Menschen längere, tiefere Beziehungen. Ihnen standen stärkere Hinweise zur Verfügung, wem sie vertrauen konnten, und die Bindungen ließen sich nicht per Mausklick lösen. Das gebe es heute zwar immer noch als "inneren Kreis", sagt die Forscherin. "Doch die Wertschätzung wahrer, tief empfundener Freundschaft lässt ein wenig nach. Wir können Freunde im Netz aus einem Potpourri wählen, stecken Menschen in Nischen derjenigen, mit denen wir politisieren oder derjenigen, mit denen wir über Mode reden." Da auch die online erlebten Einflüsse immer vielfältiger würden, sei es zunehmend schwieriger einzuschätzen, wohin sich die Menschheit entwickelt, denn noch nie in ihrer Geschichte hat sie sich so schnell verändert wie heute. Gleichzeitig werden soziale Systeme komplexer, veränderbarer und beweglicher, mit immer mehr Feedbacks aus unterschiedlichen unerwarteten Richtungen.

In ihrer Arbeit untersucht Galesic die Reaktionen des Menschen auf komplexe Situationen. So mussten sich Testpersonen in einem Videospiel die Versorgungskette in einer virtuellen Fabrik organisieren. Um die Aufgabenstellung besser zu überblicken, vereinfachten sie die Situation im Kopf und leiteten daraus intuitiv Regeln ab. "In den meisten Fällen sind simple Regeln Erfolgsmodelle - etwa, dass man immer einen Notgroschen haben oder nie alles auf eine Karte setzen oder kein Bier nach Wein trinken sollte", sagt Galesic: "Die Digitalisierung ist aber zu komplex für einfache Formeln. Sie verändert sich so schnell, dass einem die Zeit fehlt, auf der Basis von Intuition und Instinkt Regeln zu entwickeln."

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Schlagwörter

EFA 18, Robotik, Digitalisierung

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Dokument erstellt am 2018-08-24 17:29:48
Letzte Änderung am 2018-08-24 17:34:24



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Reportagen, Interviews und Analysen zum Europäischen Forum Alpbach, wo die "Wiener Zeitung" als Medienpartner vertreten ist. Der Diskurs im Alpendorf steht heuer im Zeichen von "Diversität und Resilienz".


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