• vom 28.08.2018, 17:03 Uhr

Alpbach


EFA18

Ein Tanz wie ein Beben




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Von Eva Stanzl

  • Über Implantate spürt Moon Ribas alle Erdbeben der Welt. Konzerne wollen nun auch Gehirne mit dem Internet verbinden.

Herzschlag und Erdschlag: Der Körper der Tänzerin Moon Ribas ist im Internet.

Herzschlag und Erdschlag: Der Körper der Tänzerin Moon Ribas ist im Internet.© M. Sharkey Herzschlag und Erdschlag: Der Körper der Tänzerin Moon Ribas ist im Internet.© M. Sharkey

Alpbach/Wien. Moon Ribas‘ Körper ist mit dem Internet verbunden. Die Vernetzung verleiht ihr einen sechsten Sinn. Ribas nimmt dadurch ein bisschen mehr Wirklichkeit wahr als andere Menschen. Die 33-jährige Avantgarde-Künstlerin aus Katalonien ist in der Lage, jedes Erdbeben auf der Welt zu spüren. Wann immer seismische Ereignisse den Boden rütteln, jagen sie "kleine, weiche Vibrationen" durch ihren Körper. Bei 9500 Erdbeben im Jahr (2017) hat sie ein im wahrsten Sinn des Wortes bewegtes Leben. Doch sie schränkt ein: "Kleine Beben merke ich kaum, größere fühlen sich ähnlich wie ein Herzschlag an."

Ähnlich wie auf ihre Atmung und ihre Verdauung, ihr Schwitzen und Frieren hat die Künstlerin keinen Einfluss auf den "zweiten Herzschlag". Er reagiert allerdings nicht auf Kommandos des vegetativen Nervensystems, sondern auf externe Befehle. Und während die fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten Botschaften von der Außenwelt filtern, kann Ribas es sich nicht aussuchen, von welchem Erdbeben sie etwas wissen will. Der, wie sie ihn nennt, "seismische Sinn" meldet sich unerwartet. Sie kann nicht weglaufen, nicht wegschauen, keine Nase zuhalten und keine Hände wegziehen, weil die Erdbewegungen weit entfernt von ihr grollen und dennoch im Inneren ankommen. Moon Ribas ordnet sich unter, wann immer es so weit ist.



Übertragen werden die Beben von zwei Chips mit Magneten in ihren Knöcheln, "die über Bluetooth mit meinem Smartphone verbunden sind. Wenn das Handy online ist, empfangen die Magneten Signale von Seismographen weltweit. Wann immer neue Daten solcher Ereignisse hereinkommen, vibriert es in mir", sagt Ribas zur "Wiener Zeitung". Dabei schaut sie einen mit dem offenen, ruhigen und warmen Blick eines Menschen an, dem es ernst ist. Die Tänzerin und Choreografin definiert sich als Cyborg.


Romantische, attraktive und gefährliche Cyborgs
Moon Ribas ist mit ihrer Eigendefinition aber nicht so allein und auch nicht so einzigartig, wie man vielleicht annehmen könnte. Cyborgs gelten als Zukunftsvision, und doch sind sie unter uns. Der Begriff ist so breit angelegt, dass sich Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin und Alltag in ihm überschneiden.

Nach Ansicht des Schweizer Philosophen Walther Christoph Zimmerli stellt der moderne Mensch generell ein Wesen dar, das in einer symbiotischen Verbindung mit der Technik lebt, die ihn umgibt. Er ist demnach Teil eines "Mensch-Maschine-Komplexes". Entsprechend wäre ein Cyborg bereits eine Person, die sich mit Technik umgibt, etwa in einem Auto sitzt, mit dem Handy telefoniert oder auch nur eine Brille trägt.

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Dokument erstellt am 2018-08-28 17:12:04



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