Rachid Ouaissa:

"Die Islamisten können es sich gar nicht erlauben, antidemokratisch zu sein", sagt Ouaissa. Foto: Uni Marburg
"Die Islamisten können es sich gar nicht erlauben, antidemokratisch zu sein", sagt Ouaissa. Foto: Uni Marburg
Wirtschaftliche Erfolge sind das A und O dieser Reformen. Es handelt sich bei denjenigen, die gegen die alten Regime revoltiert haben, um gut ausgebildete, aber blockierte Mittelschichten. Im Falle Tunesiens ist das stärker als in Ägypten, wo die Protestbewegung heterogener war. Aber die Jugendlichen wollen stabile Arbeitsplätze und Zukunftsaussichten haben.

Was sind die Gefahren, wenn es wirtschaftlich nicht bergauf geht?

Dass wir eine Welle von Instabilität und Unruhen erleben, die die Länder unregierbar macht. Diese Gefahr ist in Ägypten größer als in Tunesien. Unabhängig davon, wie sauber ein Regierungschef ist, die wirtschaftlichen Probleme kann man nicht von heute auf morgen lösen. Doch die Erwartungen sind groß, dass sich nach dem Ende der korrupten Regimes die Situation verbessert. Aber allein die Korruption erklärt nicht die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Haben dass der Westen und internationale Institutionen wie die Weltbank richtig erkannt, die nun Milliarden in diese Länder fließen lassen wollen?

Als erster Schritt ist das eine richtige Maßnahme. Aber es ist eine Sache, Geld zu haben, und eine andere Sache, Geld richtig zu investieren. Der Westen, und dabei gerade Europa, sollte überlegen, wie man im Rahmen der europäischen Mittelmeerpolitik die nordafrikanischen Länder langfristig an die europäische Wirtschaft anbindet. Und dafür sollte man die ganze Region industrialisieren und nicht auf eine Rentenökonomie reduzieren, die primär Rohstoffe liefert. Letzteres reicht nicht aus, um langfristige Aussichten zu schaffen.

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Wäre das auch im Eigeninteresse von Europa? *

Europa hätte mehrere Vorteile. Einige Tunesier haben ja sofort Boote bestiegen, kaum hatten sie Freiheit. Europa kann keine Mauer bauen, Perspektiven vor Ort sind die einzige Lösung.

Ein zweiter Punkt ist, dass für Billigprodukte aus Asien die Transportkosten noch tragbar sind. Aber wir wissen auch, dass etwa 70 Prozent der weltweiten Energie in Transportkosten gehen. Die asiatischen Produkte werden also nicht so billig bleiben. Billige Arbeitskräfte können auch die nordafrikanischen Staaten anbieten, die vor den Toren Europas liegen.

Eine entscheidende Frage für die Reformen ist ja auch die Rolle der Armee. Ist die Reformbewegung in Ägypten nicht noch immer auf den guten Willen des Militärs angewiesen?

Durchaus. Das Militär hat immer eine große Rolle gespielt in der modernen Geschichte des Landes, während Tunesien eher ein ziviler Staat war, in dem die Armee viel schwächer war. Das Militär ist in Ägypten sozusagen ein zweiter Staat. Aber es gibt im Land zugleich eine wache Zivilgesellschaft, eine Reihe von großen Intellektuellen, die die Entwicklung, so denke ich, in richtige Bahnen lenken werden.