Während Biber, Wolf und Goldschakal sich in Europa wieder ausbreiten, sind viele andere Arten gefährdet. In einem Großprojekt soll nun Europas Säugetiervorkommen komplett kartiert werden. Darin verzeichnet werden insgesamt 272 Arten. Um viele davon ist es schlecht bestellt.

Die Erstellung einer neuen Landkarte macht Sinn. Immerhin ist der Vorgänger-Atlas aus dem Jahr 1999 - der Atlas of European Mammals (EMMA1) - schon mehr als 20 Jahre alt. Damals umfasste das verzeichnete Gebiet rund 6,7 Millionen Quadratkilometer, diesmal ist es mit ungefähr 11,6 Millionen Quadratkilometern fast doppelt so groß. Im ersten Atlas endete Europa etwa an Polens oder Ungarns Ostgrenze oder den baltischen Staaten, erklärt Friederike Spitzenberger. Sie gehört dem Steuerungskomitee des Großprojekts an. Vor ihrer Pensionierung war sie Leiterin der Säugetiersammlung des Naturhistorischen Museums Wien.

Umgesetzt wird das Projekt von einer Reihe von Wissenschaftern unter dem Dach der Stiftung Europäische Säugetiere (European Mammal Foundation). Neben der Steuerungsgruppe gibt es mehr als 70 nationale Koordinatoren in 42 Ländern. Die Ergebnisse sollen 2024 in einem rund 600 Seiten starken Atlas gesammelt erscheinen.

Aus eins mach mehr

Laut dem Biologen und Sekretär der Stiftung, Laurent Schley, handle es sich hierbei um das weltweit größte Kartierungsprojekt für Säugetiere. Die Informationen zur Verbreitung seien vor allem wichtig, um die Arten besser schützen zu können. Ausgewiesen wird die Säugetierfauna jeweils in 50 mal 50 Kilometer-Rastern über den gesamten Kontinent verteilt - insgesamt 4676 werden es sein. Jeder Punkt auf der Karte muss entweder zu einem Exemplar in einem Museum oder einer wissenschaftlichen Publikation zurückverfolgbar sein, so Spitzenberger.

Dass sich etwa Biber, Wolf und Goldschakal in Europa ausbreiten oder auch der Elch und der Braunbär da und dort wieder im Vormarsch sind, wird man in der Karte voraussichtlich ablesen können. Vielen anderen Tieren gelingt das aber nicht, so etwa dem Europäischen Nerz, und auch um einige Fledermausarten ist es deutlich schlechter bestellt.

Insgesamt hat man es dieses Mal aber mit deutlich mehr Arten als jenen 194 zu tun, die vor 20 Jahren verzeichnet wurden. Das liegt nicht nur am vergrößerten Einzugsgebiet, sondern auch daran, dass aufgrund der Fortschritte in der Genomanalyse in manchen Fällen aus einer Art mehrere wurden. So erging es etwa der Fransenfledermaus, die sich mittlerweile in vier Arten aufgespalten haben. Das hat auch Österreich einen Artenzuwachs beschert, als in Kärnten vor Kurzem ein Fledermaus-Exemplar untersucht wurde, das sich als Mitglied einer anderen Art entpuppte.

Klar sei, dass das Gros der Säugetierarten in irgendeiner Form bedroht ist. "Wir werden sehen, ob sich das in den Verbreitungsbildern abzeichnet", sagt die Zoologin. Insgesamt friste die Säugetierkunde in Österreich ein Schattendasein. Immer noch gebe es keinen einschlägigen Lehrstuhl an einer heimischen Universität. Im Gegensatz zu den Vogelkundlern könne man sich in dem Bereich auch nicht auf eine Vielzahl an Laienforschern bei der systematischen Beobachtung verlassen. Trotzdem werde sich der Österreich-Teil von "EMMA2" auf Zehntausende Daten stützen.