Als im Juli 2012 die Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organisation) ihren Bericht zum Zustand der Weltmeere veröffentlichte, schrieb dieser leider die seit Jahren bekannte Situation in den meisten Fanggebieten fort: 88 Prozent der weltweiten Fischbestände sind überfischt. An dieser Situation hat auch die Europäische Union (EU) einen erheblichen Anteil: Als Anfang der 1980er Jahre unter anderem die Kabeljau-Bestände zusammenbrachen, suchten die großen Fangflotten ihre Beute außerhalb der EU-Gewässer, etwa vor der Küste Westafrikas oder im Pazifik. Da die nationalen Wirtschaftszonen damals bereits jedoch auf 200 Seemeilen ausgedehnt worden waren, schloss die EU mit einigen westafrikanischen Staaten Verträge über Fangrechte ab. Was dazu führte, dass auch diese ehemals äußerst fischreichen Gewässer heute nahezu leergefischt sind. Die Leidtragenden sind die kleinen einheimischen Fischer, deren Fangmethoden nachhaltig und schonend waren und sind. Die großen Trawler-Flotten, die mit riesigen Summen von der EU subventioniert werden, kümmern sich dagegen weder um die Meeresökologie noch um Nachhaltigkeit: Mit riesigen Netzen wird alles aus dem Meer gezogen, was sich darin verfangen hat – was nicht unter die Fanglizenz fällt oder nicht verwertbar ist, wird einfach über Bord geworfen. "Dieser sogenannte Beifang ist jedoch schon tot oder zumindest schwer verletzt und so werden jährlich Millionen Tonnen Fisch verschwendet und andere Arten massiv in deren Existenz bedroht", bedauert Antje Helms, studierte Meeresbiologin und Meeresexpertin bei Greenpeace, im Gespräch mit dem "Wiener Journal".

Dabei gibt es einen wissenschaftlichen Beirat, den ICES (International Council for the Exploration of the Sea), der aufgrund seiner Studien und Untersuchungen Empfehlungen bezüglich der Fischbestände abgibt. Doch an die haben sich bislang weder die EU-Kommission noch die Fischerei- beziehungsweise Agrarminister gehalten, standen doch die Interessen der Fischereiindustrie stets im Vordergrund: "Die Fangquoten wurden und werden leider nicht an die kleinen Fischer vergeben, sondern an die Flotten. Und die EU-Flotte ist um das Dreifache zu groß, um nachhaltig Fischfang zu betreiben", weiß Helms.

Die stetig steigende Nachfrage nach Fisch und die übermäßige Exploration der Bestände – der weltweite Wildfang stagniert laut FAO bei 90 Millionen Tonnen pro Jahr – hat nun auch die EU zum Umdenken bewogen. "Die jüngste Reform der Gemeinsamen EU-Fischereipolitik ist ein guter Anfang, wenn auch nur ein Kompromiss", erklärt Helms. "Die EU will sich künftig an die Empfehlungen der Wissenschaft und deren Vorgaben halten. Der Fang wird in den Häfen kontrolliert, zuständig sind eigene Inspektoren, die von den Hafenbehörden gestellt werden. In Sachen Beifang und Rückwurf sind wir allerdings nicht ganz zufrieden, wir konnten leider kein komplettes Verbot des Rückwurfes durchsetzen. Immerhin wird es Beobachter an Bord der großen Fischtrawler geben und es muss der gesamte Fang angelandet, das heißt in den Hafen gebracht werden. Außerdem soll die Fangquotenvergabe transparenter und sollen mehr Lizenzen an kleine Fischer mit Booten unter zwölf Metern Länge vergeben werden." Hehre Ziele, deren Umsetzung in Anbetracht von rund 1200 unter EU-Flagge fahrenden Industrieschiffen wohl nicht einfach werden wird …