Wien. "Mit Jane Goodall zusammen zu sein ist wie mit Mahatma Ghandi spazieren zu gehen", schrieb einmal der "Boston Globe". Die wunderschöne Metapher der US-Tageszeitung kommt nicht von ungefähr. Dame Jane Goodall vermittelt ernsthafte Zugehörigkeit zu ihrem Anliegen, bei herzlichem Humor, Demut, Bescheidenheit, Zielstrebigkeit und Willenskraft zugleich. Die britische Verhaltensforscherin begann 1960, Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania zu beobachten. Sie fand heraus, dass die Primaten Gefühle haben, Nähe empfinden, sich liebevoll um ihre Kinder kümmern und Werkzeuge benutzen. Die Entdeckung der Ähnlichkeiten von Mensch und Menschenaffen leitete eine Revolution der Wissenschaften ein. Heute kämpft Jane Goodall für den Erhalt des Lebensraums der Tiere, den Arten- und den Umweltschutz. Für ein Konzert der Wiener Sängerknaben besuchte die Pionierin am Mittwochabend Wien. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihr.

"Wiener Zeitung": Sonntag ist Tag der Artenvielfalt, heute Freitag der Tag der gefährdeten Arten. Welche Bilanz ziehen Sie zum Artenschutz?

Jane Goodall: Wir befinden uns inmitten des sechsten großen Massensterbens. Alle Menschenaffen sind bedroht. Auch Gibbons, Elefanten, Rhinozerosse, Tiger und Löwen werden bis zum Aussterben gejagt. Ihre Lebensräume werden großflächig zerstört und bauliche Entwicklungen schreiten voran. Die Auswirkungen haben einen Welleneffekt für das Leben. Mit unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, verschwinden Wälder, die CO2 aufnehmen, immer mehr Treibhausgase sammeln sich an und der Klimawandel schreitet immer zügelloser voran.

Ihrer Ansicht nach benötigen wir ein planetares Bewusstsein, um die Umwelt zu retten. Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass die Menschheit gemeinsam gegen den Klimawandel vorgeht?

Der einzige Unterschied zwischen Menschen, Schimpansen und anderen Kreaturen ist die explosive Entwicklung unseres Intellekts. Er hat die außergewöhnlichsten, außerplanmäßigsten Erfindungen ermöglicht. Umso sonderbarer erscheint es daher, dass die Kreatur mit dem größten Intellekt auf Erden sein einziges Zuhause zerstört. Die intelligenteste Kreatur hat eine Trennung zwischen Kopf und Herz erfahren. Wenn wir so weitermachen, werden wir selbst aussterben, weil uns die Ressourcen ausgehen und unsere Kriege immer schlimmer werden. Um einen Beitrag dazu zu leisten, das zu verhindern, reise ich 300 Tage im Jahr um die Welt. Dabei propagiere ich auch unser Jugendprogramm "Roots and Shoots", im Rahmen dessen junge Menschen Umwelt- und Tierschutzprojekte umsetzen können. Denn wenn die Jungen Hoffnung verlieren, können wir aufgeben. Ich habe mich entschieden, zu glauben, dass wir noch ein Zeitfenster haben.