• vom 19.05.2016, 17:02 Uhr

Artenschutz

Update: 19.05.2016, 17:23 Uhr

Jane Goodall in Wien

"Ein materialistischer Alptraum"




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Von Eva Stanzl

  • "Wir befinden uns inmitten des sechsten großen Massensterbens", warnt Jane Goodall, Pionierin der Verhaltensforschung.

Jane Goodall hat entdeckt, dass Schimpansen Gefühle und Persönlichkeiten haben.

Jane Goodall hat entdeckt, dass Schimpansen Gefühle und Persönlichkeiten haben.© Bernhard Eder Jane Goodall hat entdeckt, dass Schimpansen Gefühle und Persönlichkeiten haben.© Bernhard Eder

Wien. "Mit Jane Goodall zusammen zu sein ist wie mit Mahatma Ghandi spazieren zu gehen", schrieb einmal der "Boston Globe". Die wunderschöne Metapher der US-Tageszeitung kommt nicht von ungefähr. Dame Jane Goodall vermittelt ernsthafte Zugehörigkeit zu ihrem Anliegen, bei herzlichem Humor, Demut, Bescheidenheit, Zielstrebigkeit und Willenskraft zugleich. Die britische Verhaltensforscherin begann 1960, Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania zu beobachten. Sie fand heraus, dass die Primaten Gefühle haben, Nähe empfinden, sich liebevoll um ihre Kinder kümmern und Werkzeuge benutzen. Die Entdeckung der Ähnlichkeiten von Mensch und Menschenaffen leitete eine Revolution der Wissenschaften ein. Heute kämpft Jane Goodall für den Erhalt des Lebensraums der Tiere, den Arten- und den Umweltschutz. Für ein Konzert der Wiener Sängerknaben besuchte die Pionierin am Mittwochabend Wien. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihr.

"Wiener Zeitung": Sonntag ist Tag der Artenvielfalt, heute Freitag der Tag der gefährdeten Arten. Welche Bilanz ziehen Sie zum Artenschutz?

Information

Jane Goodall, geboren am 3. April 1934 in London, ist eine britische Pionierin der Verhaltensforschung. Auf Anregung des Paläontologen Louis Leakey erforschte sie jahrzehntelang Menschenaffen im Urwald. Sie gründete das Jane-Goodall-Institut zum Schutz des Lebensraums von Primaten und engagiert sich heute für Arten- und Umweltschutz.

Jane Goodall: Wir befinden uns inmitten des sechsten großen Massensterbens. Alle Menschenaffen sind bedroht. Auch Gibbons, Elefanten, Rhinozerosse, Tiger und Löwen werden bis zum Aussterben gejagt. Ihre Lebensräume werden großflächig zerstört und bauliche Entwicklungen schreiten voran. Die Auswirkungen haben einen Welleneffekt für das Leben. Mit unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, verschwinden Wälder, die CO2 aufnehmen, immer mehr Treibhausgase sammeln sich an und der Klimawandel schreitet immer zügelloser voran.

Ihrer Ansicht nach benötigen wir ein planetares Bewusstsein, um die Umwelt zu retten. Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass die Menschheit gemeinsam gegen den Klimawandel vorgeht?

Der einzige Unterschied zwischen Menschen, Schimpansen und anderen Kreaturen ist die explosive Entwicklung unseres Intellekts. Er hat die außergewöhnlichsten, außerplanmäßigsten Erfindungen ermöglicht. Umso sonderbarer erscheint es daher, dass die Kreatur mit dem größten Intellekt auf Erden sein einziges Zuhause zerstört. Die intelligenteste Kreatur hat eine Trennung zwischen Kopf und Herz erfahren. Wenn wir so weitermachen, werden wir selbst aussterben, weil uns die Ressourcen ausgehen und unsere Kriege immer schlimmer werden. Um einen Beitrag dazu zu leisten, das zu verhindern, reise ich 300 Tage im Jahr um die Welt. Dabei propagiere ich auch unser Jugendprogramm "Roots and Shoots", im Rahmen dessen junge Menschen Umwelt- und Tierschutzprojekte umsetzen können. Denn wenn die Jungen Hoffnung verlieren, können wir aufgeben. Ich habe mich entschieden, zu glauben, dass wir noch ein Zeitfenster haben.

Haben Sie sich entschieden - oder glauben Sie wirklich, dass unser Planet noch zu retten ist?

Ich habe mich entschieden. Ich weiß zwar nicht, ob unser Zeitfenster groß genug ist, um die Veränderungen vorzunehmen, die wir vornehmen müssen. Aber ich muss so viele Menschen wie möglich dazu inspirieren, zu handeln, besonders die Jungen. Jeder Mensch macht einen Unterschied, an jedem Tag, und es wird nicht zu spät sein, wenn jeder seinen Teil beiträgt. Wenn uns unsere Enkelkinder wichtig sind, müssen wir uns mehr bemühen als jetzt.

Welche Schritte müssen wir setzen?

Jeder kann entscheiden, wie er auf die Welt einwirken will, indem er sich fragt: Was kaufe ich? Woher kommt es? Wie lange war es unterwegs? Könnte ich stattdessen etwas kaufen, das lokal erzeugt wurde? Mussten Kinder es in Sklavenarbeit herstellen oder Tiere darunter leiden? Und die wichtigste Frage, die kein Großkonzern hören will, ist: Brauche ich das wirklich? Die Botschaft nach jeder Finanzkrise ist: Kauft, kauft, kauft, kurbelt die Wirtschaft an! Wir leben in einem materialistischen Alptraum, treffen Entscheidungen, die nur Aktiengesellschaften guttun. Eines der Probleme der Welt ist die Macht der Aktiengesellschaften und ihre Liebesaffäre mit Politikern. Einzig und allein der Konsument kann diese Formen brechen. Nur wenn Kopf und Herz in Harmonie arbeiten, können wir unser Potenzial leben und verwirklichen.

Woher nehmen Sie den Glauben, dass wir das tun werden?

Ich weiß, es gibt viel Böses. Aber ich weiß auch, dass es mehr gute Menschen als schlechte gibt. Die große Mehrzahl lebt ein anständiges Leben und verhält sich angemessen. Das Problem ist nur, dass man das oft übersieht.

Menschen sind Primaten. Daran werden viele von uns allerdings ungern erinnert. Warum?

Manche Menschen, insbesondere Bischöfe, zeigen sich, glaube ich, recht gerne als Primaten (lacht). Als ich 1961 an die Universität Cambridge ging, wurde gelehrt, Schimpansen seien eine andere Art als Menschen, mit einem anderen Rang in der Hierarchie des Lebens. Diese Annahme aus einem religiösen Hintergrund wurde zur Wissenschaft verdreht. Wir teilen 98,6 Prozent unserer DNA mit Schimpansen. Ich aber sollte ihnen keine Namen geben, sondern sie mit Nummer versehen, weil man der Ansicht war, dass Persönlichkeiten, Bewusstsein und Gefühle einzigartig für den Menschen seien. Schon mein Hund hat mich gelehrt, wie falsch das ist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-05-19 17:08:04
Letzte Änderung am 2016-05-19 17:23:33


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