• vom 08.11.2017, 16:36 Uhr

Artenschutz

Update: 03.04.2018, 15:11 Uhr

Artenschutz

"Die letzten ihrer Art"




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Eva Stanzl

  • Experte warnt: "Illegaler Handel mit geschützten Tieren und Pflanzen ist die dringendste Bedrohung für die Artenvielfalt."

105 Tonnen Stoßzähne wurden bei dieser Razzia in Kenia am 28. April 2016 beschlagnahmt. Hier hält ein Vertreter des Stammes der Maasai einen der Zähne, die aufgetürmt sind, um als abschreckende Maßnahme verbrannt zu werden. - © reu/Thomas Mukoya

105 Tonnen Stoßzähne wurden bei dieser Razzia in Kenia am 28. April 2016 beschlagnahmt. Hier hält ein Vertreter des Stammes der Maasai einen der Zähne, die aufgetürmt sind, um als abschreckende Maßnahme verbrannt zu werden. © reu/Thomas Mukoya

Streng verboten, illegal: Tausende gefährdete Tierarten werden getötet, damit ihre Zähne, Knochen und Felle für teures Geld verkauft werden können. Das Washingtoner Artenschutzabkommen (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, kurz: Cites) regelt den Handel mit Elfenbein, Kaviar, Holz oder präparierten Tieren. Seine 182 Mitgliedsstaaten haben sich dem Schutz von 36.000 Tier- und Pflanzenarten verpflichtet. Generalsekretär John Scanlon besuchte diese Woche die UN-Konferenz gegen Korruption in Wien. Am Rande der Tagung gab der oberste Artenschützer Einblick in den Kampf gegen Wilderei und Schmuggel.

"Wiener Zeitung":Wilderer haben 2016 in Afrika weniger Elefanten getötet als im Jahr davor. Gibt es weitere Fortschritte?

John Scanlon: Seit 2012 sinken die Zahlen stetig. Dennoch existiert nach wie vor ein beunruhigendes Ausmaß an Korruption. Hier in Wien haben wir Anti-Korruptionsagenturen mit Politikern zusammengebracht, um die Umsetzung der Allgemeinen Resolution zum Wildtierhandel zu prüfen. Diese haben wir bei der UN-Konvention in Johannesburg 2016 gefasst. Ihr zufolge dürfen manche Produkte aus Flora und Fauna gehandelt werden, andere nicht. Für wieder andere bedarf es spezieller Genehmigungen.

Der Handel mit Elfenbein ist streng verboten. Dennoch müssen Elefanten selbst heute wegen ihrer Stoßzähne das Leben lassen. Warum?

Kommerzieller Handel mit Elfenbein, Nashörnern, Gorillas, Meeresschildkröten und Großkatzen ist absolut untersagt. Internationale kriminelle Banden umgehen diese Verbote aber und betreiben eine Industrie des illegalen Handels. Das bescherte uns zwischen 2010 und 2012 akute Anstiege: Allein in diesen drei Jahren wurden 100.000 afrikanische Elefanten bloß wegen ihrer Zähne abgeschlachtet. Die Banden rekrutieren Wilderer und destabilisieren örtliche Gemeinschaften, indem sie die Wilderer bewaffnen. Sie bestechen Grenzbeamten und Behörden und umgehen alle Gesetze, um das Elfenbein im Ausland zu verkaufen. Die lokalen Gemeinschaften haben nichts davon.

Was tut Ihre Organisation dagegen?

Das Washingtoner Artenschutzabkommen (Cites) ist die zentrale Behörde zur Verhinderung des illegalen Handels. Dazu arbeiten wir eng mit den Vereinten Nationen, Interpol und der Weltbank zusammen und haben ein eigenes Konsortium gegründet. Nachdem die Wilderei bei Afrikanischen Elefanten 2011 einen Höhepunkt erreicht hatte, gehen die Zahlen beständig bergab. Zollbeamte beschlagnahmen immer mehr illegales Elfenbein - in Nordkenia ist die Wilderei sogar um 70 Prozent weniger geworden. Dennoch sterben immer noch zehntausende Dickhäuter in Afrika. Allein im Vorjahr haben wir 1300 Nashörner und 25.000 Elefanten verloren.

Wer verkauft das Elfenbein?

Elfenbein, das vor 1975 eingeführt wurde, darf gehandelt werden. Jedoch wird eine beträchtliche Anzahl an legalen Verkaufsstellen dazu missbraucht, um illegales, neu gewonnenes Elfenbein weißzuwaschen: Die Verkäufer machen Falschangaben zum Alter der Ware. Glücklicherweise wird die Forensik zunehmend besser darin, Alter und Herkunft dieses Materials zu bestimmen. China, der weltgrößte Markt, hat heuer nach dem Vorbild der USA den Elfenbeinhandel komplett verboten, wodurch die Preise um die Hälfte gesunken sind. Das hilft sehr, aber natürlich gibt es immer noch den Schwarzmarkt.

Welche anderen Tiere und Pflanzen werden geschmuggelt?

Die meiste mediale Aufmerksamkeit erhalten große, charismatische Tiere - also Tiger, Schneeleoparden und andere Großkatzen, die wegen ihren Knochen und Felle getötet werden. Der World Wildlife Prime Report 2016 listet insgesamt 7000 Arten, mit denen absolut unerlaubt gehandelt wird. Neben Elefant und Nashorn stehen da das Schuppentier wegen seiner schuppigen Haut und seines Fleisches und hunderte Ozeanbewohner, wie Mantas oder Haie. Auch eine Vielzahl an Holzarten ist gelistet. Rosenholz etwa hat den volumensmäßig größten Anteil am Schmuggel aus Flora und Fauna. Adlerholz ist das wertvollste illegal gehandelte Naturprodukt und Spitzenreiter beim Gewicht. Darin lebt ein Pilz, der sich zu Parfums und Duftstoffen verarbeiten lässt. Reptilien und Affen gehen in den illegalen Haustierhandel, exotische Pflanzen in die Zucht.

Welche ist die größte Gefahr für die Artenvielfalt?

Der illegale Handel mit Wildtieren und Wildpflanzen ist die unmittelbarste, dringendste Gefahr für die Artenvielfalt. Es gibt auch noch andere Bedrohungen - etwa der Verlust von Lebensraum oder der Plastikmüll in den Weltmeeren. Auch die Erderwärmung durch den Klimawandel gefährdet Arten weltweit. Aber sie liegt zeitlich weiter entfernt. Wir müssen uns anschauen, was gerade jetzt passiert, denn heute schaffen wir die Zukunft. Wenn wir den illegalen Handel mit geschützten Arten jetzt nicht stoppen, dann wird es in Zukunft keine Tiere mehr geben, die der Erderwärmung zum Opfer fallen können. Darauf müssen wir uns konzentrieren.

Warum widmen Sie sich als internationaler Anwalt dem Artenschutz?

Für mich ist Cites eines der besten Instrumente dafür. Zuvor wurde es nicht effektiv genug genutzt. In den letzten sieben Jahren hatten wir aber Erfolg, weil wir uns auf internationale Zusammenarbeit konzentrieren.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-11-08 16:41:12
Letzte Änderung am 2018-04-03 15:11:08


Umwelt

Sterbende Sterne

20190203seestern - © Von Brocken Inaglory, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3426609 USA/Ithaca. Eine verheerende Seuche und die Erwärmung der Gewässer bedrohen die Bestände der Sonnenblumen-Seesterne (Pycnopodia helianthoides) vor der... weiter




Artenvielfalt

Morgenkaffee in Not

- © adobestock/jenny Sturm Wien. Beim Thema Verlust der Artenvielfalt denkt kaum jemand an seine morgendliche Tasse Kaffee. Der Botaniker Aaron Davis von den Kew Royal Botanical... weiter




Artenschutz

2018 kein gutes Jahr für Wildtiere

20181227polal - © APAweb/AFP, Danny Gohlke Wien. Der WWF sieht die Zahl der bedrohten Tierarten in seiner Jahresbilanz für 2018 auf "schrecklichem Rekordniveau"... weiter




Gefährdete Arten

Japan fängt wieder Wale

20181226Walfang - © APAweb / epa, Jeremy Sutton-Hibbe, Greenpeace Tokio. Schwarzer Tag für Tierschützer und Walfanggegner: Japan wird sich aus der Internationalen Walfangkommission (IWC) zurückziehen und den... weiter




Biologie

Blauracke so gut wie ausgestorben

Die Blauracke gehört (noch) zu den farbenprächtigsten Vögeln Europas. - © NHM Wien/Graz. Einer der farbenprächtigsten Vögel Europas, die Blauracke, ist in Österreich so gut wie ausgestorben. Gab es Mitte des 20... weiter




Schwarzmarkt

Tonnenweise Elfenbein in Kambodscha beschlagnahmt

CAMBODIA-CONSERVATION-ELEPHANT-CRIME - © APAweb, AFP, BAN CHORK Phnom Penh/Peking. In Kambodscha haben Behörden den bisher größten Fund illegalen Elfenbeins in der Geschichte des Landes vermeldet. 1... weiter




Gefährdete Arten

Die Natur des Jahres 2019

Die Europäische Wildkatze ist das Tier des Jahres. - © StockAdobe/Photohunter Wien. Weil der Mensch ihre Lebensräume zerstört, Krankheitserreger einschleppt, Pestizide über die Felder und Gärten sprüht und das Klima verändert... weiter




Artenvielfalt

DNA-Strichcodes für jede Art

- © Hermann - stock.adobe.com Wien. (gral/est) In den vergangenen 40 Jahren hat die Welt mehr als die Hälfte ihrer Wirbeltiere verloren. Österreich habe in den letzten 30 Jahren 70... weiter




Biologie

Schutzgebiete nützen Schildkröten im Amazonas

Manaus. An den Ufern des Jurua-Flusses im brasilianischen Amazonasgebiet tummeln sich wieder mehr südamerikanische Arrauschildkröten... weiter




Bedrohte Arten

Eine Formel gegen das Aussterben

Berggorillas stehen auf der Roten Liste. - © StockAdobe/bandanar Tempe/Wien. (gral) Mehr als 26.000 Spezies sind aktuell vom Aussterben bedroht. Diese Zahl prangt auf der Internetseite der Weltnaturschutzunion IUCN... weiter




Monitoring

Das große Comeback der Bartgeier

Bartgeier - © Hansruedi Weyrich Hohe Tauern. Bartgeier zählen zu den größten und imposantesten Vögeln Europas. In Österreich starben sie im 19. Jahrhundert aus... weiter




Wildtiere

Turteltaube im Sinkflug

Turteltaube - © Chrischan1077 CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 Wien. Am Stephansplatz entdeckt eine Taube das übrig gelassene Stanitzl eines Kindes. Sie beginnt zu fressen, Dutzende weitere kommen angeflogen... weiter




Zoologie

Die Pinguine verschwinden

- © StockAdobe/czeiser Melbourne/Wien. Die größte Königspinguin-Kolonie der Erde ist in den vergangenen drei Jahrzehnten um fast 90 Prozent geschrumpft... weiter




Vor Gericht

Der Mann, der Elfenbein mit Milch putzt

Die sichergestellten Zähne waren teilweise schmuckvoll verziert. - © apa/BMF/Bernhard Hradil Wien. Herr B. ist eine dieser Angeklagten, die wirklich gerne reden. Wie aus einem Wasserfall strömen die Worte aus ihm heraus... weiter




Artenschutz

Forscher fordern Handelsverbot für Amphibien

Mantella - © Bernard DUPONT - CC 2.0 Ein extrem aggressiver und tödlicher Pilz bedroht die Bestände von Fröschen und weiteren Amphibien weltweit. Ein internationales Forscherteam fordert... weiter




Artenschutz

Alarmierende Rückgänge bei heimischen Brutvögeln

20180509voegel - © APAweb/dpa Wien. Teilweise alarmierende Rückgänge im Vorkommen heimischer Vogelarten zeigen Daten des österreichischen Brutvogel-Monitorings... weiter




Vor Gericht

Elfenbeinsammler gerät unter Druck

Wien. Unter Druck geriet am Mittwoch Elfenbeinsammler B., der sich derzeit am Wiener Straflandesgericht verantworten muss... weiter




Vor Gericht

Der Elfenbeinsammler

Immer wieder werden im Kampf gegen illegale Wilderer beschlagnahmte Elefantenstoßzähne verbrannt (hier in einem Nationalpark in Nairobi). - © afp Wien. "Ich bin ein Sammler", sagt Herr B. Erzählt er über seine Leidenschaft, gerät er ins Schwärmen. Immer wieder tausche er seine Stücke aus - "so... weiter




Artenschutz

Sind alle Tiere schützenswert?

Wegen ihres bunten Gefieders sind Hellrote Aras begehrte Haustiere, die Nachfrage gefährdet den tropischen Papagei. - © VWPics/universal/getty 2017 war ein schlechtes Jahr für Waldelefanten. In den Republiken Kongo und Zentralafrika sank ihre Zahl auf 10.000 Tiere... weiter




Artenschutz

Punk-Schildkröte und Riesensalamander

Mary-River-Turtle - © Linda Matthewson - CC 4.0 / Australian Museum - J. Cann - Nature Focus Etwa hundert Arten von Reptilien sind akut vom Aussterben bedroht. Das geht aus einer Veröffentlichung der Zoologischen Gesellschaft von London (ZSL)... weiter




Artensterben

Wenn die Letzten ihrer Art sterben

FILE PHOTO: Sudan, the last surviving male northern white rhino, is fed by a warden at the Ol Pejeta Conservancy in Laikipia national park - © APAweb / Reuters, Baz Ratner Nairobi. Das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn der Welt ist gestorben. Der 45 Jahre alte Sudan habe zuletzt altersbedingt stark gelitten -... weiter




Schmetterlingszählung

Häufigster Schmetterling

- © Blühendes Österreich/Pabinger Wien. Die Ergebnisse der über die App "Schmetterlinge Österreichs" durchgeführten Schmetterlingszählung sind ausgewertet: Im Jahr 2017 wurde der... weiter




Artenschutz

Konflikte dezimieren Wildtiere

- © Fotolia/PeekCC Maputo. Wenn Menschen kämpfen, leiden auch Tiere. Von 1946 bis 2010 waren allein in Afrika 71 Prozent der Naturparks von bewaffneten Konflikten... weiter





Werbung




Werbung