Vor Kurzem hat sich ein junger Armenier bei der "Wiener Zeitung" gemeldet, der bei der zehnstündigen Erstbefragung offenbar nicht glaubhaft bezeugen konnte, dass er homosexuell ist.

Das ist ein altes Problem. Ganz schrecklich ist man z.B. in Tschechien vorgegangen, wo im Rahmen sogenannter "Erektionstests" Flüchtlingen pornografische Bilder gezeigt wurden. Natürlich ist Homosexualität ist schwer zu beweisen. Viele homosexuelle Menschen fliehen vor Verfolgung und geben das nicht als Fluchtgrund an, weil das Thema in ihrer Gesellschaft stark tabuisiert ist. Die Zahl jener, die es verschweigen ist vermutlich höher, als jener, die vortäuschen, homosexuell zu sein, um Asyl zu bekommen.

Vor einem Jahr wurde etwa ein Fußballer der FC Sans Papier abgeschoben, der aus dem Norden Nigerias kommt, wo die Scharia gilt und heute die Boko Haram wütet. Er hat allerdings seine Homosexualität nicht als Asylgrund angegeben. Deshalb sollte man die Menschen dazu ermutigen.

Weshalb hat er es nicht erzählt?

Das weiß ich nicht, aber Asylwerber werden in Österreich meist mit Menschen aus ihrem Kulturkreis untergebracht. Die problematische Folge ist, dass sie denselben Unterdrückungs- und Ausgrenzungsmechanismen ausgesetzt sind wie in ihrer Heimat. Ich kenne Fälle von Männern, die aus Ländern kommen, in denen die Scharia gilt, und auch in Österreich panische Angst davor haben, ihre Homosexualität anzugeben. Sie fürchten Repressalien seitens der hier lebenden Familie. Diese Panik lässt sich gar nicht in Worte fassen.

In Armenien ist Homosexualität seit 2003 legal, allerdings gibt es keine Antidiskriminierungsgesetze. Der 20-jährige Armenier ist schwul und hat in Jerewan Gewalt, auch sexuelle Gewalt, in seinem direkten Umfeld erfahren. Toleranz und Akzeptanz kommt in einer Gesellschaft ja nicht über Nacht – mit der Entkriminalisierung von Homosexualität.

Genau. Ein weiteres großes Problem sind neben strafrechtlichen Verfolgungen auch jene, die aus Familienstrukturen heraus passieren. In Wien leben einige türkische Homosexuelle, denen eine Zwangsheirat droht. Stichwort "Ehrenmord": In der Türkei wurde z.B. ein Homosexueller von seinem Vater getötet. Wenn also in einem europäischen Land Homosexualität legal ist, heißt das nicht, dass man nicht verfolgt wird. Verfolgungen können auch in einem Familienverband organisiert sein.

Asylfälle werden ja im Einzelnen entschieden. Es gibt keine einheitlichen Regelungen. Politiker erklären, dass der "Schutz von bestimmten sozialen Gruppen bereits geregelt ist". Reicht das aus?