Budapest/Wien. Erneut haben sich Flüchtlinge in Ungarn zu Fuß auf den Weg Richtung Österreich gemacht, berichtete des ungarische Staatsfernsehen am Montag. Auf der Landstraße 14 sei eine große Gruppe unterwegs. Es handle sich um Flüchtlinge aus dem Aufnahmelager Röszke an der serbischen Grenze, die mit Bussen in das Lager Vamosszabadi bei Györ transportiert worden waren.

Die Flüchtlinge seien jedoch nicht in das Lager Vamosszabadi gegangen, sondern hätten sich sogleich auf den Weg zum Bahnhof in Györ gemacht. Polizisten begleiten demnach die Gruppe auf ihrem Marsch. Es komme zu Behinderungen im Straßenverkehr. Dem Vernehmen nach soll es sich um rund 300 Personen handeln, darunter viele erschöpfte Kinder.

Schnell weg aus dem Lager

Unterdessen versuchte ein Gruppe von Flüchtlingen den Polizei-Sammelpunkt bei Röszke zu verlassen, berichtet die Ungarische Nachrichtenagentur (MTI). Dabei kam es zwischen der vor allem aus jungen Afghanen bestehenden Gruppe und der Polizei zu Zusammenstößen. Zum Einsatz von Gummiknüppeln oder Tränengas kam es aber nicht. Die Flüchtlinge riefen "Freedom" und "No camp". Inzwischen treffen wieder kontinuierlich Flüchtlinge aus Serbien in Ungarn ein. Sie werden von der Polizei und lokalen Hilfskräften versorgt.

900 Personen übernachteten auf Bahnhöfen und in Zügen

Rund 900 Flüchtlinge haben die Nacht auf Montag in Bahnhöfen und Zügen der ÖBB verbracht. "Etwa 100 Personen schliefen am Wiener Hauptbahnhof und 200 in Zügen am Salzburger Hauptbahnhof", sagte ÖBB-Sprecher Michael Braun zur APA. Vom Wiener Westbahnhof, wo 600 Flüchtlinge im Notquartier übernachteten, fuhr um 9.40 Uhr ein Sonderzug ab. Zwischen Wien und Budapest gab es wieder regulären Zugverkehr.

"Insgesamt sind heute drei Sonderzüge Richtung Westen geplant", erläuterte der Sprecher. Die Zahl könne sich jedoch situationsbedingt verändern. Bei Bedarf soll außerdem wieder ein Shuttle-Zug zwischen Nickelsdorf und Wien verkehren. Die ÖBB seien weiter von kurzfristigen Entscheidungen in Ungarn abhängig.

"Die letzten Tage waren davon gekennzeichnet, dass wir in der Not Menschlichkeit walten lassen wollten", betonte Braun. Nun gehe es auch wieder darum, "dass wir in den kommenden Tagen ein geordnetes Konzept für unsere regulären Kunden haben". Durch den Schulbeginn und erhöhten Pendlerverkehr seien die ÖBB wieder mehr verplant, was die Verfügbarkeit von Zügen betrifft.

"Wir rechnen damit, dass uns das Thema Flüchtlinge auch noch in den kommenden Tagen beschäftigt", hielt Braun fest. Ziemlich genau 100 Mitarbeiter der Bundesbahnen standen dafür im Einsatz - von der Kundeninformation an den Bahnhöfen, über Flüchtlingsbetreuung, mehrere Leute in Ungarn sowie die Lokführer und Zugbegleiter der Sonderzüge, hob Braun die verschiedenen Einsatzgebiete seiner Kollegen hervor.

Deutsche Abgeordnete fordert Schließung von Röszke

Die deutsche Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Linke) forderte unterdessen nach einem Besuch des Flüchtlingslagers Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze eine sofortige Schließung der Einrichtung. "Dieses Lager ist menschenunwürdig und gefährdet das Leben vor allem der kleinen Kinder", sagte Renner am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Die Situation der mehr als 2.000 Menschen dort sei ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Die Flüchtlinge schliefen unter freiem Himmel und seien ohne ärztliche Versorgung. Die einzig mögliche Lösung sei es, die Flüchtlinge in Bussen zur ungarisch-österreichischen Grenze zu bringen.

Renner ist nach eigenen Angaben am Freitag nach Ungarn gereist, um sich ein Bild von der Lage der Flüchtlinge dort zu machen. Sie warf dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban vor, "mit dem Leid dieser Menschen zu spielen, um den politischen Druck auf die Regierungen in Deutschland und Österreich zu verstärken und sich in der eigenen Bevölkerung die Zustimmung zur weiteren Verstärkung des Grenzzauns zu erkaufen".

Neue Ankunftswelle von Flüchtlingen in Ungarn erwartet

In Ungarn treffen nach Medienberichten kontinuierlich weiterhin neue Flüchtlinge aus Serbien ein. Dort wiederum kamen über das Wochenende 4.000 weitere Flüchtlinge an, wie der serbische TV-Sender RTS unter Berufung auf Behördenangaben berichtete. Dem Sender zufolge werden im Aufnahmelager Miratovac bei Presevo an der Grenze zu Mazedonien am Montag weitere Ankömmlinge erwartet.

  Nach Österreich kamen nach neuen Angaben des Innenministeriums zwischen Freitagnacht und Montagfrüh knapp 16.000 Personen. Rund 15.000 reisten nach Deutschland weiter. "Wenige hundert" sind noch in Österreich, die meisten dürften aber ebenfalls noch die Fahrt Richtung deutscher Grenze antreten, hieß es.

  Die ungarische Polizei griff von Freitag bis Sonntag landesweit 5.386 Flüchtlinge auf, wie die ungarische Nachrichtenagentur (MTI) am Montag berichtete. Am Freitag seien es 2.181, am Samstag 1.002 und am Sonntag 2.203 gewesen. Die meisten von ihnen kamen über die Grenze zu Serbien im Raum Röszke.

  Laut Expertenmeinung ist der Zustrom deswegen so massiv, da in Ungarn am 15. September neue gesetzliche Regeln für einen erhöhten Grenzschutz in Kraft treten. Es werden Grenzjäger (speziell für den Grenzeinsatz ausgebildete Polizisten, Anm.) eingesetzt und der illegale Grenzübertritt als Straftat und nicht mehr als Verwaltungsübertretung geahndet. Auch soll das Heer zum Einsatz an den Grenzen kommen, wenn das Parlament demnächst über einen solchen Einsatz abstimmt.

  Am Ostbahnhof in Budapest herrschte unterdessen Ruhe. Hier hielten sich am Montag in der Transitzone nur wenig Flüchtlinge auf. Auch die Polizeipräsenz dort wurde verringert. Laut den Ungarischen Staatsbahnen (MAV) soll der internationale Zugverkehr ab dem (heutigen) Montag wieder nach dem alten Fahrplan verlaufen, so dass kein Umsteigen in Hegyeshalom mehr erforderlich sei.

  Serbien warnte am Montag, dass seine Vorräte für Hilfe an Flüchtlinge am Ende seien. Man brauche größere Finanzhilfe, um die Richtung EU-Staaten ziehenden Flüchtlinge zu versorgen, erklärte Arbeitsminister Aleksandar Vulin gegenüber RTS. Außenminister Ivica Dacic kritisierte unterdessen die EU, der er vorwarf, mit zweierlei Maß in der Krise zu messen. "Wenn Finanzmittel verteilt werden, dann sind wir kein EU-Mitglied, wenn Flüchtlingsquoten zur Debatte stehen, gehören wir dazu", klagte Dacic am Sonntag.

  Am Münchner Hauptbahnhof kamen am Wochenende deutlich mehr Flüchtlinge aus Ungarn via Österreich an als erwartet, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtete. Man gehe allein für den Sonntag von 13.000 aus, sagte Simone Hilgers, Sprecherin der Bezirksregierung von Oberbayern, am späten Sonntagabend in München. Zusammen mit den 6.900 am Samstag gekommenen Flüchtlingen bedeutet das die Ankunft von fast 20.000 Menschen binnen 48 Stunden. Zunächst waren die Behörden von maximal 14.000 Menschen ausgegangen, dann aber waren weitere Züge eingetroffen.