• vom 20.06.2016, 07:01 Uhr

Die große Flucht

Update: 20.06.2016, 11:23 Uhr

Weltflüchtlingstag

So viele wie nie zuvor: 65 Millionen Menschen auf der Flucht




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Von WZ Online, zel

  • Erstmals 60-Millionen-Marke überschritten. 51 Prozent aller Flüchtlinge weltweit sind Kinder.

Die meisten Geflüchteten stammen aus Syrien und Afghanistan. - © UNHCR

Die meisten Geflüchteten stammen aus Syrien und Afghanistan. © UNHCR

"Jeder 113. Mensch auf der Welt ist asylsuchend, binnenvertrieben oder Flüchtling – ein noch nie da gewesener Höchststand", belegt die UNHCR in ihrem am Montag und anlässlich des Weltflüchtlingstages veröffentlichten Jahresbericht "Global Trends" zu Fluchtbewegungen. Demnach mussten bis Ende des Jahres 2015 weltweit 65,3 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, heißt es in dem auf Daten von Regierungen, Partnerorganisationen und eigenen Erhebungen basierenden Report. Umgemünzt auf die Weltbevölkerung von 7,35 Milliarden Menschen ist somit jeder 113. Mensch betroffen. Einen drastischen Anstieg und gleichzeitig trauriges Rekordniveau verursachten in den vergangenen Jahren zunehmende Konflikte und Verfolgung.

Ein weiterer Rekord bei den "Global Trends" ist die Zahl jener, die auf die Entscheidung ihres Asylantrages warten. Ende 2015 steckten von diesen 65,3 Millionen Menschen 3,2 Millionen in einem Zustand aus Hoffnung und Ängsten der Abschiebung. Um 1,8 Millionen sei auch die Zahl der Flüchtlinge auf 21,3 Millionen Menschen angestiegen sowie die Zahl der Binnenflüchtlinge, also jener, die innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht sind: Seit 2014 betrifft dies um 2,6 Millionen mehr Menschen und ist derzeit auf einem Höchststand von 40,8 Millionen Menschen, so die UNHCR-Erhebungen.



Vor allem drei Gründe haben die Fluchtbewegungen in den vergangenen fünf Jahren ausgelöst und massiv angeschoben: Flüchtlingssituationen dauern länger an – Afghanistan oder Somalia sind seit mehr als drei Jahrzehnten Krisenherde. Der Bürgerkrieg in Syrien dauert inzwischen fünf Jahre und hat laut UNHCR zu 250.000 Toten und Verletzten geführt. Hinzu kommen neue Konflikte bzw. flammen wieder auf: Wie in Burundi, dem Jemen, im Südsudan und der Ukraine. Ein weiterer problematischer Aspekt ist heute der Mangel an effektiven und nachhaltigen Lösungsansätze auf die Flüchtlingsfrage. "Während im Jahr 2005 im Durchschnitt sechs Menschen pro Minute entwurzelt wurden, sind es heute 24 Menschen pro Minute – statistisch zwei Menschen pro Atemzug", fasst der UNHCR-Bericht zusammen.

Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder

Drei Länder stechen bei den Fluchtbewegungen hervor: Aus Syrien kommen 4,9 Millionen Flüchtlinge, 2,7 Millionen aus Afghanistan und 1,1 Millionen aus Somalia. Es stammt somit die Hälfte aller Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat aus drei Staaten. Besonders beunruhigend ist die hohe Zahl der Kinder, denn 51 Prozent der Flüchtlinge weltweit seien jünger als 18 Jahre alt. 98.400 Asylanträge wurden von unbegleiteten Minderjährigen eingereicht. Für UNHCR ein Beleg, dass besonders Kinder und Jugendliche von Vertreibung und Flucht betroffen sind.

Im Jahr 2015 wurden mit zwei Millionen registrierten Asylanträgen so viele Ansuchen gestellt wie noch nie zuvor. Die meisten verzeichnete Deutschland mit 441.900, was vordergründig auf den "Wir schaffen das"-Kurs und die Bereitschaft der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zurückzuführen ist, Flüchtlinge aufzunehmen, die im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Europa geflohen waren. Die zweithöchste Zahl liefern die USA mit 172.000 Asylanträgen, die vorwiegend von Menschen aus Zentralamerika gestellt wurden. Auch Ungarn (174.000), Schweden (156.000) und Russland (152.500) sowie Österreich (85.300) weisen hohe Zahlen bei den Asylanträgen auf.

Österreich verschärfte Asylgesetz

Im April reagierte das UN-Flüchtlingskommissariat mit Sorge auf den Beschluss der Asylgesetzesnovelle durch den österreichischen Nationalrat, mit dessen Hilfe der Zugang zu Asylverfahren für Schutzsuchende in Österreich massiv eingeschränkt wurde. Selbst wenn Menschen aus Kriegsgebieten geflohen sind, hätten sie keine Möglichkeit mehr auf Schutz und könnten ohne Einleitung eines Verfahrens in Nachbarländer zurückgeschickt werden. Die neue Verordnung heble den Flüchtlingsschutz aus, kritisierte Christoph Pinter, Leiter von UNHCR Österreich.

Die UNHCR-Statistik 2015

Entwurzelte 2015 weltweit gesamt: 65,3 MILLIONEN (2014: 59,9 Millionen)

davon

Flüchtlinge: 21,3 Mio. (16,1 Mio. plus 5,2 Mio. Palästinenser)

Asylwerber: 3,2 Mio.

Binnenflüchtlinge: 40,8 Mio.

KINDER: 51 Prozent aller Flüchtlinge weltweit sind unter 18 Jahre.

TOP-HERKUNFTSLÄNDER:

Syrien: 4,9 Mio.

Afghanistan: 2,1 Mio.

Somalia: 1,1 Mio.

TOP-AUFNAHMELÄNDER:

Türkei: 2,5 Mio.

Pakistan: 1,6 Mio.

Libanon: 1,1 Mio.

TOP-LÄNDER BINNENFLÜCHTLINGE:

Kolumbien: 6,9 Mio.

Syrien: 6,6 Mio.

Irak: 4,4 Mio.

RÜCKKEHRER weltweit: 201.400 (2014: 126.800)

ASYLANTRÄGE NEU: 2,0 Mio.

TOP-ASYLANTRÄGE NEU: Deutschland: 441.900

USA: 172.700

Schweden: 156.400





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-06-19 14:20:49
Letzte Änderung am 2016-06-20 11:23:33


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