• vom 03.10.2013, 20:45 Uhr

Europas Grenzen

Update: 03.10.2013, 21:24 Uhr

Lampedusa

Ein Meer voller Leichen




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Von WZ-Korrespondent Julius Müller-Meiningen

  • Erneutes Flüchtlingsdrama vor Lampedusa
  • Mehr als hundert Menschen ertrinken, nachdem Schiff gekentert ist.
  • Helfer brechen weinend zusammen, Papst spricht von "Schande".

Diese Flüchtlinge konnten gerettet werden. Doch mehr als hundert andere bezahlten den Versuch, nach Europa zu gelangen, mit dem Leben. - © reuters

Diese Flüchtlinge konnten gerettet werden. Doch mehr als hundert andere bezahlten den Versuch, nach Europa zu gelangen, mit dem Leben. © reuters

Rom/Lampedusa. Es sind schwarze und graue Säcke, die die Hilfskräfte von den Schiffen der Küstenwache auf die Hafenmole hieven. Immer wieder, ohne Pause. Jeweils vier Männer, die meisten sind Sanitäter, packen mit allen Kräften an. Es ist ein beinahe mechanischer Vorgang. So viele Tote müssen sie aus dem Meer vor der italienischen Insel Lampedusa bergen. 133 Opfer werden bis Donnerstag Nachmittag geborgen. Und dann trifft eine erneute, schreckliche Botschaft ein: Dutzende weitere Leichen befinden sich im Bauch des gesunkenen Flüchtlingsschiffs. Darunter viele Frauen und Kinder. Rettungstauchern hätte sich dieses unvorstellbare Desaster dargeboten, berichten italienische Nachrichtenagenturen.

Information

Lampedusa
Die Mittelmeerinsel Lampedusa ist wegen ihrer Nähe zu Afrika seit Jahren für Bootsflüchtlinge das Tor nach Europa. Die Küste Tunesiens ist nur 130 Kilometer entfernt. Doch mehr als 6000 Menschen starben schon bei der Überfahrt, die Boote sind oft kaum seetüchtig. Nach einem Rückgang 2012 strandeten in der ersten Jahreshälfte 2013 mehr als 3000 Menschen auf Lampedusa - mehr als dreimal so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Auf Lampedusa, das 5000 Einwohner zählt, gibt es kein geschlossenes Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, sondern nur noch ein Durchgangslager.


"Überall schwimmen leblose Körper herum", berichtet ein Helfer schon kurz nach der Tragödie vom Unglücksort. Nicht alle sind den grausamen Anblicken gewachsen. Immer wieder brechen einige der Hilfskräfte am Hafen in Tränen aus.

Diejenigen, die die Rettungsarbeiten aus nächster Nähe verfolgt haben, sowie einige der 155 Geretteten rekonstruieren das Geschehen so: Ein mit etwa 500 afrikanischen Flüchtlingen besetzter Kutter hat in den Morgenstunden die Gewässer vor Lampedusa erreicht. Frauen, Kinder und Männer sind an Bord, sie stammen aus Eritrea und Somalia. Nur eine halbe Meile vor der Kanincheninsel, einem auf Sichtweite vor Lampedusa gelegenen Eiland, kommt das Boot zu liegen. Vorbeifahrende Fischerboote sehen die Flüchtlinge nicht oder wollen sie nicht sehen. Das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Die Staatsanwaltschaft Agrigent hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Auch einer der Schlepper, der das Unglück überlebte, wurde laut Zeugenaussagen festgenommen.

Die Flüchtlinge, die offenbar von der libyschen Küste ablegten, sind beinahe an ihrem Ziel. Um an Land zu schwimmen, ist die Strecke bis Lampedusa zu weit. Weil auch die Versuche der Schiffbrüchigen, die Küstenwache per Handy zu verständigen, scheitern, kommen einige von ihnen auf eine verhängnisvolle Idee.

Offenbar Brand an Bord
Sie zünden Decken an Bord an, um mit dem Feuer die Aufmerksamkeit an Land oder anderer Schiffe zu erwecken. Doch auch der überfüllte Fischkutter fängt Feuer. Panik bricht an Bord aus. Das mit 500 Menschen völlig überfüllte Boot kentert. Unter den 94 Toten sind auch drei Kinder und zwei schwangere Frauen. 250 Menschen wurden noch vermisst.



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Schlagwörter

Lampedusa, Migration, Flüchtlinge

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-10-03 20:47:05
Letzte Änderung am 2013-10-03 21:24:58


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