Was sind die Perspektiven?

Auf Dauer werden weder die Sicherung der Außengrenzen noch die innereuropäische Migrationspolitik funktionieren. Menschen, die vor Kriegen und zerfallenden Staaten fliehen – und das sind die Hauptbeweggründe –, werden sich von keinen Sicherheitsmaßnahmen abhalten lassen. Es werden mehr Menschen sterben beziehungsweise sie werden immer gefährlichere Routen suchen. In der heutigen globalisierten Welt kann man die Grenzen nicht mehr "dicht machen", das ist keine vernünftige Asylpolitik. Damit fördert man nur das sogenannte "Schlepperwesen", über das man sich zu Recht beklagt.

Eine vernünftige Asylpolitik wäre also …

Realistisch wären durchlässige Grenzen. Die Befürchtung, dass ganz Afrika nach Europa kommt, ist unbegründet. Fast alle, die in Italien landen, sind syrische Kriegsflüchtlinge, Menschen aus Somalia und Eritrea. Also keine "Wirtschaftsflüchtlinge", sondern Schutzberechtigte. Wir brauchen einen vernünftigen Mechanismus der Flüchtlingsaufnahme innerhalb Europas. Derzeit ist es so, dass Flüchtlinge in Ländern Asyl beantragen müssen, die ihre Einreise nicht verhindern konnten. So steht es quasi in der Verordnung. Daraus ergibt sich, dass Staaten Flüchtlinge an der Einreise hindern wollen, bevor sie auf ihnen "sitzen bleiben".

Wie sähe ein vernünftiger Mechanismus aus?

Wir fordern, Flüchtlingen selbst die Wahl zu überlassen, in welchem Land sie Asyl beantragen, denn sie tun das in der Regel dort, wo sie sprachliche und familiäre Anknüpfungspunkte sowie Unterstützungssysteme haben. Damit würden Integrationsprozesse leichter. Von alleine würde es zwar nicht zu einer gleichmäßigen Verteilung führen, aber die Ungleichgewichte könnte man finanziell ausgleichen. Anstatt Menschen dauernd hin und her zu schieben.

Apropos gerechte Verteilung: Der Libanon zum Beispiel hat eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen.

Genau, innerhalb der letzten zwei Jahre sind 2,7 Millionen Syrer in die Nachbarstaaten geflohen. Der Libanon, ein Land mit drei Millionen Einwohnern, hat eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Stellen Sie sich vor zweieinhalb Millionen Menschen würden innerhalb von 18 Monaten in Österreich Schutz suchen. Die Antwort wäre: Das geht nicht. Im Libanon geht es, weil die Politik sagt: ,Haltet die Grenzen offen!‘ Wenn die EU der Türkei, Jordanien, dem Libanon und dem Irak keine Flüchtlinge abnimmt, wird es irgendwann wirklich nicht mehr gehen.

Die Europäische Union macht kaum Anstalten dazu.