Die unausweichliche Folge ist, dass diese Länder ihre Grenzen dicht machen. Vor allem für syrische Flüchtlinge wäre das eine Katastrophe.

Wie bewältigen etwa der Libanon und Jordanien logistisch diese Flüchtlingszahlen?

Das ist unterschiedlich. In Jordanien leben sie in riesigen Flüchtlingslagern. Im Libanon geht es etwas anarchischer zu. Viele suchen sich selbst Existenzmöglichkeiten, was oft hoch prekär ist – etwa im Fall von Kinderarbeit. Das ist keine Dauerlösung, funktioniert aber erstaunlicherweise noch. Erstaunlich deshalb, weil der Libanon alles andere als stabil ist.

Österreich hat die Aufnahmezahl auf 1000 syrische Flüchtlinge erhöht. Ist das auseichend?

Ob diese Zahl angemessen ist, muss man sich ansehen. Deutschland hat auf 10.000 erhöht, aber man weiß jetzt schon: Auch das wird nicht reichen. Die Frage ist: In welchen Größenordnungen will man als "potenter" Kontinent denken? Solche Entscheidungen dürfen nicht an einzelnen Ländern hängen bleiben, sondern fallen unter die Verantwortung der EU. Das UNHCR (UNO-Flüchtlingswerk; Anm.) bestimmt, welche Flüchtlinge in Jordanien, im Libanon und in der Türkei schutzberechtigt sind; dann werden die Plätze gesucht. Man müsste viel mehr in Richtung Familienzusammenführungen agieren. Es gibt Flüchtlinge, die auf eigene Kappe und sozusagen illegal nach Österreich gelangen, hier aber bereits Familienangehörige haben. Wenn sie nicht die Kriterien für das Kontingent erfüllen, werden sie abgeschoben. Sie fallen unter die Dublin-II-Verordnung – während gleichzeitig andere syrische Flüchtlinge aufgenommen werden, die vielleicht in einem anderen EU-Land Verwandte haben. Das ist völlig absurd.

Gibt es weitere Kritikpunkte?

Ja. Neben der direkten Abschottung praktiziert die EU eine weitere asylpolitische Maßnahme: in Form von Kooperationen mit den Transitstaaten Libyen, Tunesien und Marokko. Das ist höchst heikel, weil diese Länder die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterschrieben haben. Man tauscht Hilfe gegen Migrationskontrolle, sodass die Länder in Nordafrika ihre Grenzen verriegeln. Im Fall von Libyen haben diese Abkommen mit europäischen Ländern in den vergangenen Jahren funktioniert, aber derzeit schafft es der Staat nicht, weil er zerfällt. Eine sehr problematische Entwicklung ist, dass Europa den Grenzschutz auf eine Ebene vorverlagert, die wir nicht mehr wahrnehmen, und ihn abgibt: an meist nicht unbedingt vertrauenswürdige Organisationen.