Wien. Sie sind die Bösen: Außerirdische kommen in Computerspielen nicht gut weg. Einmal wollen sie die Menschheit unterjochen, dann sie wieder auffressen, und auch die Vernichtung aller menschlichen Lebewesen ist nur allzu gerne ihr erklärtes Ziel. Schon bei "Space Invaders", einem der ersten erfolgreichen Massenspiele, musste man Aliens terminieren, die versuchen, auf der Erde zu landen. Auch in den Action-Klassikern "Halo" und "Half Life" bis hin zum aktuellen Blockbusterspiel "Anthem" waren die Außerirdischen ein beliebtes Feindbild. Doch wenn die Menschheit zu Schnellschussgewehr, Raketenwerfer & Co. greift, um die Aliens zu stoppen, richtet sie die Waffen gegen sich selbst.

"Die Außerirdischen sind ein Spiegel unserer selbst. Wir begegnen unseren eigenen Ängsten und Erfahrungen", erklärt der deutsche Soziologe Andreas Anton vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. "Wir projizieren auf die Aliens letztlich Erfahrungen, die wir als Menschheit selbst gemacht haben. Da geht es um Kriege und Konflikte, um Unterwerfung, um Ressourcen, die ausgebeutet werden. Das sind alles Sachen, die wir aus unserer eigenen Geschichte kennen."

Der Zerstörungsdrang

Nicht nur Ängste spielen bei den Gewaltorgien gegen Aliens eine Rolle. Im Menschen steckt auch das Bedürfnis, etwas zu zerstören. "Schon bei Freud gab es ja nicht nur das Lustprinzip, sondern später auch den Zerstörungsdrang", sagt Anton. Aliens sind dafür gleich doppelt gut. "Oft ist es so, dass zuerst Aliens kommen, die technologisch überlegen sind und beginnen, die Menschheit und ihre Infrastruktur zu vernichten. Danach schlägt aber die Menschheit zurück und zerstört ihrerseits wieder die Aliens."

Aliens werden aber nicht in sämtlichen Videospielen als ausschließlich böse dargestellt. Diverse Ableger des Star-Wars-Franchise wie "Knights of the Old Republic" zeichneten ein facettenreiches Bild an außerirdischem Leben. Neue Maßstäbe setzte die Science-Fiction-Triologie "Mass Effect". Zwar stellen auch hier die Reaper, eine hochentwickelte, außerirdische "Maschinen-Rasse" die existenzbedrohende Hauptgefahr dar. Doch um die Reaper zu bekämpfen, muss der Spieler in einer Art intergalaktischer Uno-Mission alle möglichen Alien-Völker vereinen, damit sie den Menschen zur Seite stehen. Er trifft dabei auf außerirdische Humanisten und Sklaventreiber, auf friedliebende und militarisierte Völker. Und nicht nur das.

Die Spielfigur kann mit diversen Aliens kopulieren. Den Behörden in Singapur stieß das sauer auf: 2007 verboten sie kurzfristig den Verkauf von "Mass Effect", da es ermögliche, eine lesbische Beziehung mit einem Alien einzugehen. Ganz korrekt ist das allerdings nicht. Das besagte Alien - ein Asari - gleicht in seinem Erscheinungsbild zwar einer Frau, doch gibt es bei den Asari kein männliches und weibliches Geschlecht, sondern nur ein Einheitsgeschlecht. Singapur hob den Bann dann auf, gab das Spiel aber erst für Spieler ab 18 frei.

Doch wie sieht es in der Realität aus? Sollten intelligente Außerirdische tatsächlich existieren, wie sollten wir uns ihnen gegenüber verhalten? Sollte die Menschheit mit Programmen wie Seti aktiv den Kontakt suchen? Hier mahnt Anton zur Vorsicht: "Wenn man nachts in einem Wald ist und nicht weiß, wer und was sich dort herumtreibt, dann ist es vielleicht nicht wahnsinnig ratsam, laut herumzuschreien. Man weiß nicht, wessen Aufmerksamkeit man gegebenenfalls erregt."

"Das verkauft sich gut"

Eines ist klar: "Geschichten über Außerirdische, die uns angreifen und gegen uns Krieg führen, lassen sich natürlich spektakulär inszenieren. Das verkauft sich gut", sagt Anton. Auch das wird wohl einer der Gründe sein, warum Aliens so einen schweren Stand haben. In der Filmbranche, erklärt Anton, zeigen Analysen, dass das Verhältnis von bösen zu guten Aliens 10:1 ist. Bei Computerspielen sei die Diskrepanz noch viel größer.