Greta Thunberg, Helmut Lotti oder Gunkl: Alle drei haben die Diagnose Asperger-Syndrom, alle drei machen daraus kein Geheimnis und nutzen ihre Bekanntheit auch dafür, Vorurteile über Autismus aus dem Weg zu räumen. Nach wie vor werden Menschen mit dieser milden Form des Autismus als gefühlskalt, eigenbrötlerisch oder weltfremd bezeichnet, mitunter aber auch als hochintelligent bis genial. Und während für viele Menschen die Diagnose mit dem Stigma verbunden ist, als nicht normal und entwicklungsgestört zu gelten, bringt sie anderen wiederum Erleichterung und darüber hinaus die Möglichkeit zur Selbstbehauptung.

Die Bezeichnungen Asperger oder "Aspie" ist bereits in der Alltagssprache etabliert, viele Autisten identifizieren sich damit. Wie die US-Historikerin Edith Sheffer in ihrem aktuellen Buch "Aspergers Kinder. Die Geburt des Autismus im Dritten Reich" jedoch zeigt, ist dies eine problematische Entwicklung. Denn die Geschichte der Diagnose zeige, dass sie aus den Erfordernissen des Nationalsozialismus entstanden ist.

Das Gebäude der Universitätskinderklinik heute, im 9. Bezirk in Wien. Hans Asperger arbeitete dort bis nach dem Krieg als Leiter der Heilpädagogischen Abteilung. Das Haus soll im Sommer geschliffen werden. - © Jo Kerviel
Das Gebäude der Universitätskinderklinik heute, im 9. Bezirk in Wien. Hans Asperger arbeitete dort bis nach dem Krieg als Leiter der Heilpädagogischen Abteilung. Das Haus soll im Sommer geschliffen werden. - © Jo Kerviel

Sheffer zufolge beschrieb der Namensgeber, der österreichische Kinderarzt Hans Asperger (1906-1980), in seiner 1944 veröffentlichten Habilitation die Eigenschaften der "autistischen Psychopathen im Kindesalter" vor allem mit starrem Blick auf die NS-Psychiatrie. Die US-Wissenschafterin zeigt, dass Asperger einen raschen und markanten Sinneswandel durchmachte. So orientierte sich der Kinderarzt zu Beginn seiner Beobachtung von autistischen Kindern noch auf die Beschreibungen der beiden jüdischen Ärzte Georg Frankl und Anni Weiss. Beide emigrierten in den 1930er Jahren in die USA, wo sie interessanterweise mit dem ebenfalls aus Österreich stammenden Arzt Leo Kanner zusammenarbeiten - nach ihm ist der frühkindliche Autismus, die schwere Form, benannt.

Frankl und Weiss konnten am abweichenden Sozialverhalten der Kinder nichts Krankhaftes feststellen. Sheffer zeigt nun anhand von Aspergers Schriften und Vorträge, dass er nach dem Anschluss Autisten zunehmend pathologisierte. Es fehle ihnen an Bindung zur Volksgemeinschaft.Was die Wissenschaftlichkeit von Aspergers Arbeit betrifft, so attestiert ihm die Historikerin bestenfalls Oberflächlichkeit: Frankl und Weiss etwa werden weder zitiert noch erwähnt und als wesentlicher Schlüsselbegriff zur Diagnose diente Asperger das "Gemüt".

"Autistische Originalität"

Das Gemüt wurde in der NS-Psychiatrie vorwiegend zur Beschreibung von sozialem Empfinden verwendet, "autistische Psychopathen" galten als gemütsarme bis gemütslose Menschen, Automaten gar. Wies ein autistischer Bub jedoch besondere Intelligenz auf, so war dieser "etwas genial verrückt eben" und wurde als brauchbar für die Volksgemeinschaft eingestuft. Ließen Kinder aber "autistische Originalität" vermissen, hatten sie, wie Asperger es nannte, eine ungünstige "soziale Prognose". Von großer Bedeutung für den Kinderarzt war auch der familiäre Hintergrund, besonderes Interesse hatte er an der sozialen Stellung der Väter, die sich als oftmals ebenso schrullig erwiesen: Der geniale Autist, war er daher sicher, war ein Phänomen der Oberschicht, während aus ärmeren Schichten keine Genies kamen, sondern Geistesgestörte.

Titelblatt von Hans Aspergers Habilitation, 1944. Historikerin Sheffer zweifelt an der Wissenschaftlichkeit der Habilitation. - © Jo Kerviel
Titelblatt von Hans Aspergers Habilitation, 1944. Historikerin Sheffer zweifelt an der Wissenschaftlichkeit der Habilitation. - © Jo Kerviel

Sheffer führt auch noch andere Eigenschaften an, die der Arzt den Kindern zuschrieb. Darunter etwa, dass Autismus eine männliche Krankheit sei und dass einem Autisten das richtige Gefühl für seinem Körper fehle. Auch heute noch werden mehr Buben als Mädchen mit "Asperger" diagnostiziert. Und in Frankreich ließen bis vor kurzem Psychiater autistische Kinder mehrmals die Woche als Behandlung in kalte, nasse Tücher wickeln. Erst 2016 erließ Präsident Macron eine, wie er es nannte "zivilisatorische Maßnahme, die "Le Packing" verbot.

Zwar war Asperger nicht direkt an den Morden beteiligt, doch er war, wie sowohl Sheffer als auch bereits vor ihr der Wiener Historiker Herwig Czech zeigen, auf verschiedenen Ebenen an der systematischen Tötung von Kindern beteiligt. Er arbeitete nicht nur eng mit führenden Köpfen im Kindereuthanasieprogramm zusammen (unter anderem mit dem Massenmörder von Steinhof, Erwin Jekelius) sondern überwies als Arzt und auch als Mitglied in zahlreichen Institutionen und Kommissionen dutzende Kinder in die Pflegeanstalt "Am Spiegelgrund".Sein Mentor wiederum, der Leiter der Universitätskinderklinik Franz Hamburger, für den Asperger noch in den 1970er Jahren voll des Lobes war, ließ an der Kinderklinik tödliche medizinische Experimente an behinderten Kleinkindern durchführen.

Der "Tötungspavillon", wie Pavillon 15 am Spiegelgrund damals genannt wurde, heute. Zeithistoriker haben herausgefunden, dass Hans Asperger Kinder dorthin überweisen ließ und selbst überwies. - © Jo Kerviel
Der "Tötungspavillon", wie Pavillon 15 am Spiegelgrund damals genannt wurde, heute. Zeithistoriker haben herausgefunden, dass Hans Asperger Kinder dorthin überweisen ließ und selbst überwies. - © Jo Kerviel

Neben ihrem Fokus auf die Arbeit von Hans Asperger, liefert Sheffers Buch auch einen guten Einblick in die Geschichte der Psychiatrie in Wien von den 1920er Jahren bis 1945, indem sie unter anderem den Wandel der Universitätskinderklinik von einer international renommierten Institution zu einem verlängerten Arm der NS-Ideologie und der NS-Verbrechen nachzeichnet.

Sheffers Forschungsarbeit überzeugt durch eine klare Interpretation des Quellenmaterials und der umfangreichen Sekundarliteratur. Etwas mehr Sorgfalt hinsichtich der Vermeidung redundanter Inhalte hätte dem Buch noch gut getan.

Eine Schwachstelle stellt jedoch das letzte Kapitel da, in dem die Autorin gegen die Diagnose "Asperger-Syndrom" heutzutage wettert. Sie lässt damit den Leser mit der Frage zurück, ob es denn nicht auch Alternativen gäbe? Ein Hinweis auf den israelischen Hirnforscher Henry Markram etwa wäre dahingehend möglich gewesen.
Der Wissenschafter hat durch seine Forschungen zur "Intense World Theory" mittlerweile einen völlig anderen Zugang zu Autismus etabliert: Anstatt die Defizite allein beim Autisten zu suchen, plädiert Markram für eine Wechselseitigkeit, bei der auch die Gesellschaft gefordert ist. Seinen Forschungen zufolge haben Autisten kein Defizit, keinen Mangel an Gefühl oder Empathie. Im Gegenteil: Sie spüren zu viel, und der Rückzug bedeutet nicht Störung, sondern ist eine Reaktion. Und kann vermieden werden.

Das Mahnmal "Am Spiegelgrund": Von 789 Kindern weiß man, dass sie "Am Spiegelgrund" ermordet wurden.  - © Jo. Kerviel
Das Mahnmal "Am Spiegelgrund": Von 789 Kindern weiß man, dass sie "Am Spiegelgrund" ermordet wurden.  - © Jo. Kerviel